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1. Bummellieder und ſcherzhafte Gedichte. 255
Sahſt du dort den Schleier flattern
Um den Hals, den lilienweißen?
Solche Schleier zu ergattern,
Sohn, muß man im Sphnellzug reiſen.
Einmal kommt das Glück gefahren,
Einmal nur — dann iſt's vorüber!
Zeitig ſtreb' drum dir zu wahren
Deinen Platz ihm gegenüber.
Sonſt wie andre arme Narren
Magſt du drauß im Wartſaal bleiben
Und mit pfälziſchen Zigarren
Graunvoll dir die Zeit vertreiben.
Sohn, verſäume keinen Bahnzug,
Sei genau auf die Sekunde!
Denn du weißt nicht, was im Anzug
In der Flucht der nächſten Stunde.
L II.
Und ſo du durch einen Tunnel fährſt,
Mein Sohn, hab' Sorge und Acht,
Daß du der Nachbarin Lippen nicht gehrſt
Im unterirdiſchen Schacht.
Leid bringt manch dunkeles Atlaskleid
Und Leid manch dunkle Paſſion;
Und bringt auch des Tunnels Dunkelheit,
... In Frankreich erfuhr ich's, mein Sohn!
Seit damals bin ich den Tunneln feind
Und find's insbeſondre verkehrt,
Daß ſtets eine Lampe im Wagen erſcheint,
Wenn man ins Dunkel einfährt.
III.
Und hat dich im Fahren ein Reim erfreut,
Mein Sohn, verſag' ihn dem Drucke,
Daß nicht die Schar dickhäutiger Leut',
Bedauernd die Achſel drob zucke.
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