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Nachleſe.
Lieder Margaretas.
I.
Er ſah mich an ſo fragend,
So treu, ſo ſtumm, ſo ſtill,
Er ſah mich an — ich weiß nicht,
Was er nur von mir will.
Ich werd's ihm jetzt verbieten.
Die Welt iſt groß und ſchön,
Und drin iſt außer mir noch
Biel andres anzuſehn.
Und doch — 's möcht' ihn betrüben,
Das ginge ja nicht an;
Ich glaub', ich muß ihn lieben,
Den ſchlanken, fremden Mann.
II.
Niemals hat von ſeinem Sehnen
Er ein Wörtlein mir geſprochen,
Und doch ſchau' ich ſeine Blicke,
Und doch hör' ſein Herz ich pochen.
Aber wenn in ſtillen Nächten
Seine Klänge zu mir ſchweben,
Dann erſchließt er mir ein ganzes
Reiches, großes Liebesleben.
L III.
Ja, ich lieb' ihn, bin ſein eigen,
Und er ſei mein Herr und Freund,
Sei die Sonne, die erquickend
In mein junges Leben ſcheint.
Süß Getändel erſter Stunde,
Süße Narretei verrinnt —
Felsgleich in der Tage Wechſel
Steht das Herz, das wahrhaft minnt.
Und vergebens ſoll ſie nahen
Unſrer Tür, die ſchlimme Zeit;
Lieb' heißt Kämpfen und Erdulden,
Sei es — ich bin kampfbereit!
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