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268 Nachleſe.
Ich, Hiddigeigei, die alte Katz',
Ich ſinge nicht klagend vom Dache, 10
Verloren, geraubt iſt mein ſüßer Schatz,
Mir bleibt nur Tod oder Rache.
Ich, Hiddigeigei, die alte Katz',
Ich lieb' in der Liebe den Wechſel,
Es wäre ſonſt immer die ſelbige Hatz 15
Und das ſelbige Liedergedrechſel.
II.
Wie dieſe Menſchen ſich im Wahn verſteigen,
Ein Kater faßt ihr falſches Reden kaum —
Statt ſich mit bravem Raubtier zu vergleichen,
Spricht man von „Blüten an der Menſchheit Baum“!. 20
O Baum der Menſchheit — Stamm, der ſchlank gehoben,
Mit ſeinen Wipfeln ſtolz den Himmel ſucht:
Dein Blattwerk iſt aus Dummheit nur gewoben,
Und kürbisſchwer hängt drin des Unſinns Frucht.
4. Aus dem Bereich der Frau Aventiure.
Heinrich von Veldekes* Ehrengedächtnis.
Nach Kriegerſitte klagen wir die Toten
Und rühmen trauernd ihrer Tugend Preis.
Auch du biſt zu den Seligen entboten,
Heinrich von Veldekk, ritterlicher Greis.
Nicht ſchweben Schildjungfraun von blut'gen Halden 5
Mit dir zu Walhalls Schildburg ſonnenwärts,
Kein Heidenſchwert hat deine Stirn zerſpalten,
Du ſtarbſt im Frieden, fern des Schlachtfelds Erz.
Doch haſt auch du ein opfertreues Leben
Auf einem Feld der Ehre hingegeben. 10o
1 So Freiligrath in ſeinem Gedichte „Am Baum der Menſchheit drängt
ſich Blüt' an Blüte“ („Ein Glaubensbekenntnis. Zeitgedichte“, S. 123, Mainz
1844). — ² Heinrich von Veldeke aus der Gegend von Maastricht galt
mit ſeiner im vorletzten Fahrzehnt des 12. Jahrhunderts verfaßten „Eneit“
ſchon den Dichtern um 1200 als der eigentliche Begründer der hofiſchen Epik.
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