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Nachleſe.
Da ich des Laubes Grünen ſah,
Da ſtellt' ich all mein Trauern ein,
Von einem Weibe mir geſchah,
Daß ich muß allzeit fröhlich ſein:
O Frühlingswonne, friſcher Mut!
Nun ſoll mich alles dünken gut,
Was jene tut.
Sie ſchuf mich jeder Sorge bar
Und nimmer ficht mich Trübſal an,
Viertauſend andre Fraun, fürwahr,
Sie hätten gleiches nicht getan ...
Die Gütige iſt mein Wendeleid
Und ſteht als Freundin mir berei⸗
Trotz allem Neid.
Daß je noch Kummer mich verſehrt,
Des leb' ich ſonder Angſt noch Harm,
Ergeht es, wie mein Wille gehrt,
Schmiegt ſie ſich bald in meinen Arm;
So mir der Schönen würd' ein Teil,
Das deuchte mich ein großes Heil,
Um Gold nicht feil.
Daß ich ſo holdes Herz ihr trage,
Zwar urſacht's andern Bitterkeit,
Doch werd' ich nimmer bang noch zage,
Denn ſieglos bleibt der Gegenſtreit.
Was hilft euch alle arge Liſt?
Wißt ihr denn, was ergangen iſt
Seit kurzer Friſt?
Erinnerung.
Frühmorgen umſäumet die Höhen mit Glanz;
Schon hab' ich ein redlich Tagwerk vollbracht
Und wandre, von zwielichtumſchienenem Weidgang
Waldeinſam zurück zu des Gaſtfreunds Burg.
Gelbblühender Ginſter und Pfriemkraut umrankt
Die ſteile Kuppe, die ich erklomm,
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