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4. Aus dem Bereich der Frau Aventiure. 271
Und ich ſchaue hinaus in Windung und Schlucht
Des maigrün prangenden Hochwaldstals,
Schaue die Halden felszackgekrönt,
Schaue die Höhen, fernhin erblauend,
Wie ſie, in unberühreter Stille,
Alle des ſonnigen Scheines ſich freun.
Zu Füßen, tief, kaum erreichbar dem Auge,
Rauſcht mächtig und murrt
Des niederſtürzenden Wildbachs Fall;
Aber zu Häupten mir ſchwingt ſich die Fichte
Gewaltigen Stamms; dem moosüberflocht'nen,
Entwölbt das Geäſt ſich als Schattendach,
Vor dem ſchwarzen Dunkel der jährigen Nadeln
Erglänzen lichtgrün der Zweige Spitzen,
Des heurigen Lenzes neutreibender Anwuchs —
Der Minne gleich, die im Trieb dieſes Maien
Aus des wettergefeſteten Weidmanns Herz
Aufwuchs und Knoſpen zu Tag trieb. —
Wo finnſt du, wo weilſt du zu dieſer Stund',
Hochherrliche Frau,
Die meinem Denken es angetan,
Daß es oſtwärts gekehrt ſtets zu dir ſich ſchwingt?
Enthebſt du zur Stunde den ſchneeblanken Leib
Dem Bade und ſteigſt, von Wohlruch umhaucht,
Einer ſchaumgeborenen Göttin gleich
Zurück in die Kemenate?
.. . O ſeliges Bild! Als ſtünde
Dein Schloß hier unten am Wildbach —
Als könnt' ich gefeit durch die Fenſter dir ſehn,
Erſchaut dich des Freundes fernſpähende Sehnſucht.
Jucunda, die Zofe, bringt dir die Kinder,
Sie ſtürmen zum Saale und jubeln der Mutter
Den Morgengruß“
Und ſchmiegen ſich ſpielend und ſcheu in den Schoß ...
Du aber neigſt dich und küſſeſt die Kleinen,
Den Füngſten vorab; mit ſilbernem Kamm
Durchfährſt du der Locken gelbrötlichen Schwall
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