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5. Vermiſchte Gedichte. 297
Herr Siegfried ritt in ſcharfem Trab,
Er ſtach ihn von dem Roß herab
Samt ſeinen zween VBiſieren.
Und als es war ein' Stund' darauf,
Da war zerſprengt der ganze Hauf —
Hellglänzend ſchien die Sonne.
Der Biſchof blieb im Tal zurück;
Einem guten Reiter hilft das Glück,
Sein Gold war uns gewonnen.
Und der vergnügt dies Liedel ſung,
Stund auch im Streit als Reitersjung,
Sein Schwert ließ er nicht ſtecken.
Herr Biſchof, Ihr müßt leer nach Haus,
Schreibt einen neuen Zehnten aus,
Der mag den Schaden decken.
Petrarcas Wanderlied'.
(1333.)
Per mezz' i boschi inospiti e sevaggi
Ardenniſcher Wald, unheimlicher Tann!
Kaum durchreitet in Harniſch und Helm ſonſt ein Mann
Das Revier der Räuber und Diebe;
voch unbewehrt wandr' ich und fürchte mich nicht,
Mir hellet mein Dunkel ein unſichtbar Licht,
Das Licht lebendiger Liebe.
Und ich ſinge mein Lied — o du täuſchender Traum,
Als trüg' es herüber trotz Zeit und trotz Raum
Sie, die meine Augen ſtets ſuchen.
O du täuſchender Traum! ſchon wähn' ich ſie hier,
Viel Damen und edele Fräulein bei ihr...
Doch ſind's nur Tannen und Buchen.
1 In ſeinem Reiſebericht „Ein Tag am Quell von Vaucluſe“ hat Scheffel
dies Gedicht zuerſt veröffentlicht und über ſeine Entſtehung nähere Mitteilung
gemacht (vgl. die „Reiſebilder“ im 4. Band dieſer Ausgabe). Das Gedicht iſt
die freie Bearbeitung eines Sonetts von Petrarca.
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