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5. Vermiſchte Gedichte. 323
Obriſten und Generale, Galauniformenpracht,
Abgeſandte und Miniſter und des Bundeskanzlers Macht.
Hoch auf der Eſtrade rauſcht der Fahnen und Stan⸗-⸗
darten Wald,
Deren alten Ruhm ein blutig neuerkämpfter überſtrahlt,
Und, ein hoh Gelübd' gelobend, in dem Ring der Für—
ſten ſteht
Silberweißen Barts des Kriegsherrnſ ieggekrönte Majeſtät.
Badens Friedrich, als der Eidam mit dem Herold-
amt betraut,
Tritt hervor und „Deutſchlands Kaifer Wilhelm
lebe!“ ruft er laut,
Und ein Hurra! ſtimmt ihm bei vielhundertfältig, ſiegs—
gewiß...
p. Dumpf als Echo murren ferne die Kanonen von Paris.
Dann als ſchönſte Morgengab' dem neuen Reiche dar⸗
gebracht,
Kam die Meldung: „Badens Streitkraft hielt vor Bel—
fort treue Wacht!
Dreifach ſtärker war der Angriff, glatt das Eis und kalt
der Schnee,
Doch: wir laſſen keinen durch! ſprach Werders trutzige
Armee!...“
So durft', als der Treuen erſter im Verfailler Königs⸗
chloß
Seinen Heldenkaiſer grüßen ein erlauchter Enkelſproß
Des Markgrafen Friedrich Magnus, der des Leids ſo
viel beſtand,
Dem des Spiegelſaals Erbauer Stadt und Ahnenburg
verbrannt.
Und wer heut im Schutz des Reichsaars von dem
Turmberg niederſchaut,
Sieht Alt-Durlach längſt verjüngt als freundlich Städt-
lein neuerbaut,
Und ſieht jenſeit hoher Pappeln eine neue Landhauptſtadt,
Die im Eiſenbahnjahrhundert flott ſich aufgeſchwungen hat.
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