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324 Nachleſe.
Bürger, deren Stolz die Arbeit, ſchaffen dort und
freuen ſich,
Daß für immer von des Rheines Ufern Galliens Hahn
entwich.
Dankbar winden ſie den Feſtkranz für ein teures Fubel—
paar,
Und ſie preiſen Gottes Güte, denn er waltet wunderbar.
Lied im Schloß Favorite'.
Steht ein Schloß im grünen Walde, iſt gar wunderlich
geſchmückt,
Seiner Baukunſt ſchnörkelreiche Formen ſind uns fern
gerückt,
Seine Ornamente bleichen wie ein fliehender Morgen—
traum,
Doch der Vorzeit heilig Mondlicht ſchimmert durch den
ſteillen Raum
Und beſeelt mit ſeinem Strahle tote Bilder an der
Wand:
Einen Mann, geſchmückt mit eitlem hundertfält'gen
Flittertand,
Bald im Kleide des Chineſen, bald im grünen Schäfer—
kranz;
Uberall dasſelbe Antlitz — immer neu der Mummen⸗-
ſchanz.
Wer mag's ſein, der dieſe bunten weibiſchen Prunk⸗
. gewande trug?
Geiſterſtimmen flüſtern Antwort: Er, der einſt die Türken
ſchlug;
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1 Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden, der „Türkenlouis“ (1655—1707),
lebte im Andenken der Nachwelt fort durch ſeine Kämpfe gegen die Türken
in kaiſerlichen Dienſten, vor allem durch ſeinen Sieg in der blutigen Schlacht
bei Szlankamen vom 19. Auguſt 1691, die er durch perſönliches Eingreifen an
der Spitze der Reiterei zugunſten der Chriſten entſchied. Seine Witwe
Sibylla erbaute 1725 bei Raſtatt das Luſtſchloß Favorite, deſſen glänzende
innere Ausſtattung noch voll erhalten iſt.
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