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6. Gelegenheitsgedichte. 339
Oft beſſer mundet als der Leckerbiſſen,
Den fremde Kunſt und Künſtelei erſann,
So mög' auch euch das kleine Spiel erfreun:
Von Herzen kommt's, — zum Herzen geh' es ein!
Wartburg-Trinkſprüche'.
I.
Der Herold bringt den Trinkſpruch aus:
„Dem Burgherrn und des Burgherrn Haus!
Dem Herrn, des ſchöpf'riſchem Gedanken
Die Räume ihr Erſtehen danken,
Der hohen Frau, die, ihm vermählt,
Mit neuem Leben ſie beſeelt;
Dem Erben, der in junger Kraft
Fetzt fern ſich übt der Wiſſenſchaft,
Den Töchtern, ſinnig, klar und hold,
Sei unſre Huldigung gezollt!
Umwallt vom grünen Rautenkranz
Erſtrahlt die Burg in neuem Glanz,
Und jubelnd ſchallt's ins Land hinaus:
Der Burgherr hoch, und hoch ſein Haus!“
II.
Der Herold übte ſchlecht die Pflicht,
Gedächt' ſein Spruch der Damen nicht,
Die in der Anmut Ehrenkleid
Um ihre Fürſtin ſich gereiht.
Zu Landgraf Hermanns Zeit ſchon war
Hier oben eine holde Schar
Von vierzig Fräulein oder mehr,
Doch damals ging's wohl enger her;
Und ſind's ſtatt vierzig jetzt nur vier,
So ſind ſie doch der Wartburg Zier.
Denn wie man pflegt der feinſten Sitte,
Ein Roß auch tummelt zu kühnem Ritte,
1 Scheffel verbrachte im Herbſt 1859 einige Wochen auf der Wartburg
in nahem Urngange mit den großherzoglichen Herrſchaften.
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