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AIEν —Rkattenn; K40–
6. G ₰ 72 „ *oe 349
Ein Feſtabend des Karlsruher Künſtlervereins.
Vorfrühling brauſt durchs Land mit ſcharfem Hauche,
Sehnſucht nach Lenz und Sonne ſchwellt die Bruſt:
Das iſt die Zeit, wo nach der Völker Brauche
Held Karneval regiert und Faſchingsluſt.
Wir ſtehn ihm bei, wir rütteln an der Kette
Des Ernſts und ſcheu'n der Langeweile Gift,
Ein ſtreitbar Volk mit Pinſel und Palette,
Richtſcheit und Zirkel, Meißel, Schrift und Stift.
Nicht mehr in einem Tal bei armen Hirten.
Irrt unſre Kunſt' verſchüchtert, fremd und ſcheu;
Sie zählt ſich kühnlich zu der Menſchheit Zierden
Und tapfre Fünger huldigen ihr treu. —
Heil dieſer Stadt, wo ſie in guten Stunden
Sich Heimat, Gunſt und manchen Freund gewann,
Daß der Verein, zu dem wir uns verbunden,
Solch werten Kreis bei ſich begrüßen kann.
Wo find' ich Worte, euch zuerſt zu danken,
Ihr Holden, deren Hierſein uns entzückt?
... Schwung des Gefühls und Leuchtkraft der Gedanken
Kennt ja nur der, den Frauengunſt beglückt.
Wo wäre SEnade je in einem Bilde,
Wo Farbenharmonieen zart und weich,
Erlernten Grazie, Feinheit, Maß und Milde,
O Meiſterinnen, ſtets wir nicht von euch?
Wohl ruht in jedem Lichtblick ſchöner Augen
Ein Feenzauber..doch nicht dort allein;
Der Künſtler, ſoll ſein farbig Schaffen taugen,
Muß da und dort auch ſelbſt ein Zaubrer ſein.
Wohlan, wir geben unſre beſten Proben
Und zaubern eine ganze Galerie
Von „Lichteffekten“, die den Meiſter loben,
Verzeichnet auch ein Katalog ſie nie.
Doch nur, wer tanzt, gilt heute als verſtändig . .
Auch „Lichteffekte“ ſind auf Tanz erpicht...
1 Anſpielung auf Schillers Gedicht „Das Mädchen aus der Fremde“.
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