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354 Nachleſe.
Im Glauben keine Scheidewand,
Ein ſittig Volk in Bildung frei,
Geeint durch der Verfaſſung Band,
Dem Kaiſer und dem Reiche treu,
Familienglück in jedem Haus,
Des Lebens Mühn von Kunſt verklärt —
Und droht der Feind mit blutigem Strauß,
Ein deutſches Heer, ein ſiegreich Schwert:
So war ſein fürſtlich Ideal!
Und wie er treu ihm nachgeſtrebt
Weiß jeder, der des Zweifels Qual,
Des Siegs Gewißheit mit erlebt.
Schon reift die Saat, die er geſtreut,
Und ſein Geſchlecht, das er erzog,
Ruft jubelnd einſtmals wie wir heut:
Dank, Friedrich, Badens Großherzog!
An Karl Friedrich Leſſing' zum 10jhrigen
Geburtsfeſte.
(1878.)
Dir hat aus Natur und Geſchichte
Gott warm in das Herz geſtrahlt,
Daß du ſein Wehen und Walten
Mit leuchtenden Farben gemalt.
Ernſt feierlich rauſchen die Eichen
Auf Rügen, am Harz und am Rhein,
Sie möchten dem, der ſie verherrlicht,
Den deutſchen Ehrenkranz weihn.
1 Der Maler Karl Friedrich Leſſing, geb. 15. Februar 1808 in Bres-
lau, wurde 1858 als Direktor der Gemäldegalerie nach Karlsruhe berufen
und ſtarb dort 1880. Seine Landſchaften zeigen mit Vorliebe Eichen. Seine
Geſchichtsbilder haben mehrfach Szenen aus dem Leben von Luther und Hus
dargeſtellt; in der Karlsruher Galerie hängt ſeine „Disputation Luthers mit
Eck“ von 1867. Sein Bild im Städelſchen Muſeum zu Frankfurt „Hus vor
dem Konzil“ (von 1842) hatte einen heftigen Streit zwiſchen Katholiken und
Proteſtanten hervorgerufen.
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