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7. Widmungen, Dank und Grüße. 367
Einer Somnambulen.
Des Weltalls Kräfte, wie ſie ſich verweben
Zu Sein und Schein, in Lieb' und Haß ſich binden,
Sich fliehn und ſuchen, oft ſich nimmer finden,
Bis neuer Tag ſie löſt zu neuem Leben:
5 Dies All — ſelbſt ird'ſcher Stoffe letzt Zerſchweben
Iſt dir vergönnt zu ahnen und zu künden —
Im Tode, der ein Ende deucht nur Blinden,
Mußt du, ſelbſt ungern, doch den Schleier heben.
Doch ohne Schmerz ſchaut keiner jene Tiefen,
10 Und beſſer wär's den Augen, daß ſie ſchliefen;
Kein Staubgeborner zählt zu den Erlöſten,
Halt' aus und duld’, und dieſes mög' dich tröſten:
Des Menſchen Aug' ſchaut nur verhüllt die Wahrheit,
Im Tod erſt wird der Seele ganze Klarheit.
Frau Amalia Benſinger zu Düſſeldorf'.
Der Meiſter Joſephus zu München ſprach;
„Nun geht das Jahr zu Ende —
O, daß ich für alles, was ich verbrach,
Ein gnädigen Richter fände — — —.
5 „Meine Sünden ſind groß — Gottlob, es iſt
Der Herr im Himmel geduldig,
Der Signora Amalia zu dieſer Friſt
Bin ich einen Brief noch ſchuldig.
„Signora Amalia, die gute Fee,
10 Wie konnt' ich ihrer vergeſſen,
Mit der ich einſt am Albaner See
In Dianens Grotte geſeſſen?
„Sie war's, die zu mir, dem kranken Mann,
Teilnehmend die Schritte lenkte,
135 Noch zünd' ich meine Zigarren an
Am Feuerzeug, das ſie mir ſchenkte.
1 Malerin aus Karlsruhe, mit Scheffel ſeit Ztalien befreundet (vgl. „Trom-
peter“, V. 6779, Bd. 2, S. 382, und Einleitung zum „Ekkehard“, Bd. 3, S. 14).
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