http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke1/0488
Caudeamus! S. 36 — 46. 415
im Jahre 1645 herausgegebene, von Martin Zeiller, Ephorus des Gym-
nasiums in Ulm, verfaßte Werk: „Topographia Palatinatus Rheni et
vicinarum Regionum: Das ist, Beschreibung vnd Eigentliche Abbildung
der vornemsten Statte v. Plätz der Untern Pfaltz am Rhein vnd
Benachbarten Landschaften“. Der Professor, auf dessen Zeugnis
unsere Nachricht sich beruft, ist vielleicht Christoph Jungnitz, der
seit 1613 Professor an der Universität Heidelberg war. Die Nachricht
ist freilich geschichtlich keineswegs richtig. Pfalzgraf Otto Heinrich
unternahm wohl wirklich eine Pilgerfahrt nach Jerusalem, aber schon
im kaum vollendeten 19. Lebensjahr im April bis Dezember 1521.
Die Reise ging über Venedig und Rhodus nach Joppe, von wo aus
Jerusalem besucht wurde. Das Tagebuch der Reise ist erhalten (Ab-
druck bei Röhricht und Meißner, „Deutsche Pilgerreisen nach dem
heiligen Lande“, Bd. 1, S. 349 ff., Berlin 1880); es tut weder des
Kammermeisters Mückenhäuser noch des Enderle von Ketsch Er-
waähnung. Otto Heinrich hatte aber in seinem letzten Lebensjahr einen
Diener Meggenhäuser, den er auch in seinem Testamente bedenkt, und
seit 1588 gab es wirklich einen Kammermeister Georg Meckenhäuser,
gest. 1601 und begraben auf dem Peterskirchhof in Heidelberg; die
beiden, vielleicht Vater und Sohn, scheinen zusammengeflossen zu sein.
Die Begegnung mit dem gespensterhaften Enderle ist eine
Wandersage. Eine ganz entsprechende Geschichte erzählt schon
Caesarius von Heisterbach in seinem „Dialogus Miraculorum“, verfaßt
1220—22 (Ausgabe von E. Strange, Köln 1851). Im 7. und 8. Kapitel
des 12. Buches (Strange, Bd. 2, S. 322 f.) wird von einem Schult-
heißen von Kolmar, dann wieder einem Schultheißen von Lechenich
und nochmals einem Bruno von Flitert ganz Ahnliches erzählt:
Pilger, die vom oder zum Heiligen Lande fahren, hören auf offener
See in der Nähe des Vulkans der Liparischen Inseln Stimmen, aus
denen hervorgeht, daß soeben die genannten Personen zu Höllen-
strafen in den Berg gebracht werden. Heimgekehrt finden sie, daß die
betreffenden Persönlichkeiten am selben Tag und zur selben Stunde ge-
storben sind. In späterer Zeit gilt als ein ähnlicher Strafort der Hekla
auf Island; so fährt auch unser Enderle gegen „Nordwegen“. Vgl. zur
Sage M. Huffschmid in der „Zeitschrift für die Geschichte des Ober-
rtheins“, Bd. 44, S. 201 (Freiburg i. B. 1890).
Das Gedicht trug ursprünglich die Überschrift: Ein neues Lied
von einem fliegenden Holländer. Gleichzeitig mit Scheffel hat Chri-
stian Schad in seinem „Musenalmanach“ (z. Jahrgang, 1857, S. 349)
die Sage auf Grund von Joh. Prätorius', Anthropodemus Plutonicus“,
Band 2, S. 40 (Magdeburg 1668) in einer umfangreichen Ballade
unter dem Titel „Der Leitgeb von Ketsch'’“ behandelt, von deren
Tonart die 1. Strophe eine Vorstellung geben mag:
„Das Orlogschiff vom Wogensalz
Im Sonnenglast gehoben,
Von wannen dar
Mit reisiger Schaar
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke1/0488