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10 Frau Aventiure.
der Wartburg, ließ den Palas mit feinem geſchichtlichen Ver⸗
ſtändnis in neuer Pracht erſtehen, Moritz von Schwind ſchmückte ſeie
1854 die Räume mit aller Innigkeit und Oeutſchheit ſeiner Kunſt.
Dem Großherzog blieb der Wunſch, die mittelalterliche Glanz-
zeit der Vurg auch in der Literatur wieder erweckt zu ſeben. Auf
ſeine Anregung ſchuf Otto Roquette 1857 das Oratorium von
der heiligen Eliſabetb, das Liſzt vertonte. Für die Abfaſſung
eines Wartburgromans aber konnte niemand geeigneter ſcheinen
als der Dichter des „Ekkebard“, den Arnswald, mit Scheffel
und ſeiner Familie ſchon länger befreundet, dem Großherzog zu⸗—
führte. Der lud ihn 1857 zur Einweihung des Goethe-Schiller-
denkmals nach Weimar und erhielt im November von ihm auf
der Wartburg vor Schwinds Genälde des Sängerkriegs das VBer⸗
ſprechen einen Wartburgroman zu ſchreiden.
Als ſelbſtverſtändlicher Ausgang für ein derartiges Verk bot
ſich die alte Dichtung vom „Wartburgkrieg“, in der noch das
13. Fahrhundert das Zuſammenſtrömen der erſten Dichter Deutſch—
lands am Hofe des thüringiſchen Landgrafen verberrlicht hatte.
Dies Gedicht war freilich von ſeltſamer Beſchaffenheit. Rach
deutſcher Art und Unart mehr auf Geiſtiges als Sinnliches zielend,
in vielfacher Überlieferung umgedichtet, vermehrt, verwirrt und
beſchädigt, bietet es zwei wie nach Form und Inhalt, ſo ſichtlich
im Urſprung ſchon verſchiedene, nachträglich und mangelhaft ver—
bundene Teile. Im Hauptſtücke Wolfram von Eſchenbach der Held,
in dunklem Rätſelſtreite nmit einem Geſchöpfe ſeiner eigenen Phan⸗
taſie, dem Zauberer Klingſor aus ſeinem „Parzival“ ſich meſſend.
Der Eingang aber beherrſcht von einer in aller ſonſtigen Über—
lieferung kaum von einem ſchwachen Dämmerlichte geſtreiften
Geſtalt: Heinrich von Ofterdingen, der den Preis des Herzogs von
Oſterreich ſieglos aufwirft gegen Wolfram, Walther, Reinmar,
Biterolf und den tugendhaften Schreiber, die des Landgrafen
Ruhm verkünden. Der Inhalt des rätſelhaften Gedichtes wurde
von tbüringiſchen Ebroniken aufgenommen umd ſo bis in die
Reuzeit weiter getragen. Sobald unſer Geiftesleben die abgeriſſe—
nen Fäden nach dem Mittelalter bin aufs neue knüpfte, erregte
der Stoff wieder die Eindildungskraft der Hichter. Novalis ent—
nahm ihm für ſeinen Roman freilich wenig mohr als die Geſtalt
Heinriche von Ofterdingen und Klingfors, und nur allzu raſch wird
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