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Einleitung des Herausgebers. 11
die anmutige Beſtimmtheit des Eingangs ſeiner Erzählung in ein
Geiſterreich ſeines Gepräges verflüchtigt. Es verſteht ſich, daß
auch die ſpäteren romantiſchen Erneuerungen des Stoffes von
dem zweiten myſtiſchen Teile des „Wartburgkriegs“ ihren Aus—
gang nehmen. Von ihm hatte E. T. A. Hoffmanns Novelle „Der
Kampf der Sänger“ (1818) weſentlich Gehalt und Beleuchtung
empfangen. Im engſten Anſchluß an dieſe Erzählung gewann
Richard Wagner, nachdem ein dramatiſcher Plan Grillparzers
von 1821 unausgeführt geblieben, eine dramatiſche Bearbeitung
Fouqués von 1828 vergeſſen war, den Stoff für die Bühne: das
Wunderbare und Zenſeitige der alten Dichtung blieb auch hier
in voller Geltung, nur daß Klingſors durch Frau Venus' Reich
erſetzt war, indem Wagner Heinrich von Ofterdingen mit dem
Tannhäufer verſelbigte.
So begreiflich dieſe Geſtaltungen in ihrer Weiſe ſind, ſo
ſelbſtverſtändlich war es auf der anderen Scite, daß Scheffel,
Kind einer neuen Zeit und eine verſchiedene Natur, eine andere
Wendung nehmen mußte. ANüchtern, auf äußere Wahrſcheinlich-
keit und geſchichtliche Wahrheit geſtellt und zielend, bedurfte er
weißen Glaſes und Tageshelle ſtatt jenes myſtiſchen Dämmer⸗-
lichts hinter bunten Scheiben. Mit Klingſor konnte er ſich nichts
zu ſchaffen machen, und Richard Wagners „Tannhäuſer“ erſchien
ihm nur als „eine warnende Konfuſion“. Für ihn kam nur der
erſte, auf geſchichtliche Verhältniſſe gegründete Teil des „Wart⸗-
burgkriegs“ in Betracht und als künſtleriſche Form der geſchicht-
liche Roman. Der Ausgang aber war hier ungünſtig, weit un—⸗
günſtiger als beim „Ekkehard“, da die Überlieferung nicht bloß
die Fülle der Einzelheiten, ſondern vor allem die Beſtimmtheit
der Hauptperſon verſagte. Sie aus eigener Einbildungskraft zu
geben, ging gegen das Gewiſſen Scheffels. Er hoffte das Feh—
lende in eindringlichen wiſſenſchaftlichen Studien zu finden und
legte ſo dem künſtleriſchen Plane von vornherein eine Feſſel an,
in der er nach jahrelangen Mühen und Leiden verſchmachten ſollte.
Es war darum doch vielleicht weniger günſtig, als es zunächſt
ſcheinen mochte, daß Scheffel durch ſein neues Amt als Biblio—
thekar des Fürſten von Fürſtenberg, das er im Dezember 1857
antrat, gelehrte Studien Pflicht wurden. Sie führten ihn mit
der Verzeichnung der Laßbergiſchen Handſchriften glücklich und
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