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Einleitung des Herausgebers. 19
drücken ritterlichen Lebens neben verſtändlicheren Wörtern wie
Turnei, Tjoſt, Buhurt, Zimierde, Palas und ähnlichen Ausdrücke
wie pungieren, faylieren entlehnte, die mühſamer Erklärung be—
durften. Aber er erneut aufs glücklichſte altes Sprachgut in Wörtern
wie Heerſchild, Schildamt, Schildgefährte, Schwertſchwang, Merker,
Sälde, weidlich, freislich, ftapfen, glaſten, gaſten, aufſchnurren,
durchſüßen und vielen anderen oder ältere Bildungen wie Gewaffen,
mannlich, verſteinen und dergleichen, ohne doch je, wie etwa bei
Simrock ſo oft geſchah, dem Neuhochdeutſchen Gewalt anzutun.
Freilich ihre Lebendigkeit dankt dieſe Dichtung nicht allein
dem nahen und herzlichen Verhältnis, das Scheffel den Menſchen,
den Künſtler, den Katholiken, den in hundert mittelalterlichen
Überlieferungen Geborenen und Aufgewachſenen mit dem Mittel⸗
alter verband. Sie dankt ſie vor allem der für jedes lebendige
Kunſtwerk ja unerläßlichen Tatſache, daß dieſe Dichtung trotz ihres
mittelalterlichen Gewandes und ihrer entlegenen geſchichtlichen
Vorausſetzungen doch zum größten und beſten Teile rein perſön—
liche, reine Gelegenheitsdichtung im Goetheſchen Sinne iſt. Denn
alle dieſe verſchiedenen Dichter und Geſtalten, denen unſer Meiſter
ſeine Lieder in den Mund legt, ſie ſind, um einen Ausdruck der
Mythologie zu gebrauchen, doch nur Sypoſtaſen ſeiner ſelbſt; die
verſchiedenen Charaktere, die verſchiedenen Erlebniſſe, die er ihnen
andichtet, ſie ſind im Grunde nur ſeine eigenen Erlebniſſe, ſind
Spiegelungen ſeiner eigenen Seele, dieſes facettierten Edelſteins,
der das Weltlicht in jeder ſeiner Flächen verſchieden bricht. Er
ſelber trug den Ernſt und die ſeeliſchen Abgründe ſeines Wolfram,
die Schwermut dieſes Reinmar, die Waldfreudigkeit dieſes Biterolf,
die ſpröde Männlichkeit des Vogts von Tenneberg in ſich, den doch
die Liebe bezwang. Er ſelbſt hat mit den Mücken des Banther
Mönches gekämpft, in ihm brannte der Durſt und die Wanderluſt
der fahrenden Schüler. Ihn erfüllte die Liebe und Heimatſeligkeit
des aus Schwaben, ihn drückte die Trauer um das Vaterland des
Byzantiners Anaſtaſios zu Boden, ihn durchflammte der Liebes-
zorn und das beleidigte Ehrgefühl des Magnus vom finſtern
Grunde. Er ſelbſt taumelt wie Heinrich von Ofterdingen zwiſchen
ſchäumender Weltluſt und nagendem Zweifel an der Möglichkeit
einer Erfüllung ſeiner künſtleriſchen Sendung: ſeines „eignen Her⸗
zens rätſeldunkle Ziele entwirren ſich im höfiſch bunten Spiele“.
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