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20 Brau MWentture.
Und nur in ſolchem Verſteckſpiel war dieſer Dichter überhaupt
imſtande, ſein Fühlen und Erleben vor die Menge zu bringen: der
Sproͤde, Scheue, Männliche hat ſein lebelang kaum ein Liebes⸗
lied mit dem Anſchein eigenen Erlebniſſes veröffentlicht. Was
der deckenden epiſchen Hülle entbehrte, das durfte nach ſeinem
Tode erſt aus dem Nachlaß ans Licht treten. So dichtet er hier
zum Erlebnis eines Fahrenden, des IFrregang, aus, was er ſelbſt
zu Faſtnacht 1860 im verſchneiten Schwarzwald mit Emma Heim
erfuhr. Auch „Von Liebe und Leben ſcheidend“ erwuchs ihm aus
gleichem Erlebnis. Im Zorn über die Abweiſung, die ſeiner Wer⸗
bung um Julie Artaria Ende 1860 zuteil ward, flocht er den
ſtachligen Kranz ſeiner zwölf Magnuslieder. Was aber Berlt der
junge, Herrn Walthers von der Vogelweide Singerknab', als „Des
Meiſters Geheimnis“ erzählt, erwuchs ihm aus den zarten Be—
ziehungen zu jener Franzöſfin, die ihm im Winter 1860 61 in
Breſtenberg begegnete. Auch mehrere der Lieder des Ofterdingers,
„Serabendrot“, der „Papegan“, Chriſtnacht“, entſprangen glei—
chem Anlaß, der auch für Biterolfs Lied „Die Erſcheinung“ und
Reinmars,Einer Griechin“ als Vorausfetzung denkbar wäre. Auch
von ſeinen künſtleriſchen Nöten würde der Dichter ohne die epiſche
Einkleidung nicht ſo vor der Offentlichkeit haben reden können. In
„Des Tugendhaften Schreibers Antwortſpott“, der den Ofterdin⸗—
ger höhnt, daß er nicht über die Anfangszeilen des geplanten
Nibelungenwerkes hinauskomme, rückt er fſich mit grimmigſter
Selbſiverſpottung zu Leibe: er ſelbſt iſt der „wunderträge Knabe“,
der gern an Wormſiſcher Heldenkraft die Krone der Meiſterſchaft
erwürbe und doch die Recken der Vorzeit nicht aus ihren Gräbern
zu wecken vermag. Er ſelbſt rechnet „daheim“, das iſt in der
grünen Manſardenſtube im Vaterhaufe zu Karlsruhe, mit Frau
Aventiure ab, der ſpröden Unholdin, der er durch ſo viele Jahre
nachgezogen, um nun heimgekehrt die üble Geſellſchaft in ſeinem
Hauſe zu finden: den Bauherrn Nimmerfertig und den Wächter
Klageton, den Nachbar Zeitverſaum, FJungfräulein Reue und Frau
Schwermut mit dem aſchenfahlen Haar. Ihn ſelbſt auch überfielen
ja ſo oft jene ſchweren, körperlich gewordenen Nöte, jene grauen-
volle Angſt, von der Wolframs „Nachtlied“ ganz ähnlich erzählt
wie die gleichzeitig entſtandenen „Bergpfalmen“. Und doch, wenn
er ſchon „ſieglos ſang im Sängerſtreit“, im innigen Umgang mit
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