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Eirnleitung des Herausgebers. 21
der Natur ſchöpft ſeine Seele ſich immer wieder die Schwung—
kraft neuen Lebens. Er ſelbſt iſt es, der im Schlußliede des Ofter⸗
dingers „Auf wilden Bergen“ — es iſt am 15. September 1860 am
Roſeggiogletſcher entſtanden, nachdem er die ſchwerſte Kataſtrophe
im Hochgebirge wandernd überwunden — noch einmal die Hoff⸗
nung des Vollbringens ausſpricht; in Wolframs Lied „Dem Land-
grafen den Parzival' überreichend“, malt er ſich aus, wie er einſt
dem Wartburgherrn das fertig gewordene Werk befriedigt über-
reichen werde. In der großen ſtillen Natur erlebt er jene Befreiung
von den ſeelenbedrängenden Geſpenſtern, die er in dem köſtlichen,
vom wundervollſten Humor durchleuchteten Bericht von den
Mücken ſeines Banther Mönches Nicodemus ſchildert, der gehalte⸗
neren Wiederholung des Rippoldsauer Gedichtes im „Gaudeamus“.
Er ſelbſt hat an ſich, im Sommer 1859 auf weiten Wanderfahrten
den Thüringer Wald durchſchweifend, jene Heilkraft des deutſchen
Waldes erfahren, die „kein Siechtum leidet und alles, was ge—
breſtenhaft, aus Leib und Seele ſcheidet“, wie Biterolfs Lied ſie
ſchildert. Er hat im Frühling 1860 nach dem erſchütternden Er—
lebnis mit Fulie Artaria die Seele geſund gebadet in der keuſchen
Herrlichkeit des Bayriſchen Meeres, hat dort endlich wieder Frie⸗
den gefunden, als der grimme Schmerz in Liedern ſich ihm löſte,
die, ernſt und mild, dem Heinrich von Ofterdingen zugeteilt ſind,
wo ſie aber übermütig und ausgelaſſen ſich gebärden, das „Pſal⸗
terium fahrender Schüler“ füllen. In fröhlichen Verſen erzählen
die von dem glücklich einſamen Hauſen in den niederen Hallen des
ländlichen Gaſthauſes auf Frauenwörth, wo der Dichter zufrieden
in enger Dachkemenate wohnt, im Einbaum zum Fiſchen rudert,
die tapfere Kunſt des Stilliegens und einſam Sichſonnens übt und
all den Plunder abfahren heißt, der ihn elend gemacht; wo ihm
das Herz ausgefüllt iſt von dem Glück der großen und reinen
Natur: „Kein Menſch kann das uns geben, die Minne ſelber nicht,
das ſonnenwarme Leben, das hier zur Seele ſpricht.“ Es iſt reizend
zu ſehen und viel Anziehendes wäre davon im einzelnen zu ſagen,
wie der Dichter Altes und Neues, Überliefertes und Erlebtes,
Minneſingerliches und Perſönliches in faſt allen Liedern innig
und geſchickt verſchmolz. Hier iſt kein Raum, das auszuführen.
Aber dieſe Lieder wären trotz allem noch nicht, was ſie ſind,
wäre es der Kunſt des Dichters nicht gelungen, ſie über die Zu⸗
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