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22 Frau Aventiure.
fälligkeiten des perſönlichen Urſprungs und die Willkür ihrer ge—
ſchichtlichen Bedingtheiten hinaus, hinauf ins Allgemeine, rein
Menſchliche und damit ewig Gültige zu ſteigern. Ewig gültig erzählt
uns „Des Meiſters Geheimnis“ von der unvergleichlichen Süßigkeit
einer verſteckten, verbotenen Liebe, die um ſo tiefer und inniger
beglückt, als von ihr wirklich niemand nichts wiſſen, als ſie nicht
in Geſtändniſſen, nur in Blicken, Händedrücken, in tiefſinnig deut—
ſamen Geſchenken ſich äußern darf. Das Leid der unglücklich ver—
zweifelten, im Selbſtmord endenden Liebe hat „Frregang“ und
„Von Liebe und Leben ſcheidend“ ſicher geſtaltet, die beglückende
Verbindung von Liebe und Heimatglück die „Tristicia amorosa“,
den Manneszorn aus verletzter Liebe der Magnuskranz. Und
immer wieder müſſen jener innere Kampf ſich wiederholen und die
Nöte des genial veranlagten Menſchen, der von den Erzeugniſſen
Jeiner eigenen Phantaſie bedrängt wird, mit Grauſen ſich dahin
ſchwanken ſieht auf der ſchmalen Brücke zwiſchen Genie und Wahn⸗
ßinn, der dauernd bedroht wird von dem Caſſoſchickſal, ſich mit
Mißtrauen vor der Welt zu verſchließen, überall Neider und Feinde
Zzu ſehen, von dem Kleiſtſchickſal, unterzugehen in dem ausſichtsloſen
Mühen, ſein hohes Künſtlerideal in Werken ſichtbar zu formen.
Der helle lebensvolle Hintergrund aber, vor den alle Geſtalten
dieſer Dichtung geſtellt ſind, iſt die Natur. Nicht jedoch die Natur
im allgemeinen, ſondern ſo, wie ſie in unſerem Vaterlande uns ver-
traut entgegentritt, wie ſie den Grund deutſchen Lebens und Füh—
lens bildet. Es iſt das herrliche deutſche Land, das in dieſer Dich—
tung in beglückendem Sonnenſchein vor uns ſich öffnet, deutſches
Land, durchwandert von einem Dichter mit fröhlichem Herzen und
offenen Augen, mit reicher Kenntnis ſeiner Geſchicke, mit inniger
Liebe. Hatten der „Trompeter“ und „Ekkehard“ die ſchwäbiſche
Heimaterde eindringlich und liebevoll geſchildert, hier ſpielt ſie eine
beſcheidenere Rolle; die Dichtung drängt in die Weite. Da ſpiegeln
ſich die Waſſer- und Bergpracht der Voralpen in vielen Liedern,
jene weiten lichten Seen von grünen Vorbergen umſtanden, die
ferne Alpenſäume blau überſchimmern. In allen Beleuchtungen
zeigen ſie uns die Gefänge, in Winterſtimmung und ſtrahlender
Sommerſonnenpracht, im Gewitter und der wunderſamen Klärung
danach, wo der See blaut, der Himmel in roſiger Klarheit leuchtet,
die fernen Gebirge erglühen im Wundergluthauch der Sonne.
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