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Einleitung des Herausgebers. 23
Wir fahren den Donauſtrom hinab durch den friſchen Neubruch
der morgenfreudigen Oſtermark, der des Dichters politiſche Nei⸗
gung gilt, der er eine Aufgabe ſtellt, die ſie im blutigen Kriege
dieſer Fahre erfüllt, eine Zukunft weisſagt, die ſie jetzt ſich errin—
gen wird. Wir wandern mit ihm durch die heiteren bach- und
mühlendurchrauſchten Täler, über die burgenbeſtandenen Berg—
höhen der Fränkiſchen Schweiz, wir ſchauen mit ihm ins geſegnete
Maintal, das zwiſchen waldumgrenzten Bergen weit ſich dehnt,
von frommen Kloſterglocken rings umhallt. Nirgends aber hat dieſe
Dichtung lieber ſich niedergelaſſen, als „wo der Wald den ſtolzen
Erinnerungsſchutt mit Frühlingsgrün überrankt“. Dieſen Wald,
„unſern Wald“, wie der Dichter in höchſter Pracht und Lieblich—
keit in Thüringen um den Inſelsberg auf vielen Wanderungen ihn
genoſſen, ſeine Lieder werden nicht müde, ihn zu preiſen. Mit
immer neuen Wendungen weiß er lieblich zu ſchildern, wie tau—
ſend Vogelſtimmen, dem Dichter alle bekannt und vertraut, ihn
durchhallen, das Eichhorn durch das Aſtwerk ſpringt, die Haſen
den jungen Schoß benagen, das Reh durch die Haſelſtauden ſchrei⸗
tet, Meiſter Reineke auf ſchlimmem Weidgang ihn durchſchleicht.
Wir wandern fröhlich mit ſeinen Liedern durch die grüne Wild—
nis, durch lichtes Laubgehölz und Tannendunkel auf rauhen Ber—
gespfaden, durch Moosgeſtrüpp und Farnkrautüberſchwang empor
in die freie Luft der Höhen, wir blicken mit ihnen beglückt von
Bergesſcheiteln hinaus ins deutſche Land, und immer wieder
grüßt unſern Blick, aufragend aus dem Meer der grünen Wipfel,
„Thüringens jungfräuliche Feſte auf deutſchem Berge ſäulenſchlank
und groß“. Und gerne laſſen wir dann mit ihnen uns nieder zu
heimlicher Waldraſt in buchenumfriedeter Einſamkeit, wo der
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Eppich den Fels immer grün und immer licht umwuchert, nieder
zu ſtiller „Sinnierung“, in ſeliger Verträumtheit lauſchend „wie
herrlicher als Lied und Kunſtgedicht in ſtundenlangem leiſen
Wipfelrauſchen des Waldes Seele mit ſich ſelber ſpricht“.
Ein wunderbares Bilderbuch hat der Dichter vor uns aufge—
ſchlagen von ſchwer zu erſchöpfendem Reichtum. Wie Blatt um
Blatt ſich wendet, neue Geſtalten, neue Stimmungen, alle
Stufenleitern vom Ernſt zum Scherz durchſchritten. Er umfängt
uns in der Totenfeier des Landgrafen mit Tönen und Farben,
wie wenn nach dem Gottesdienſt die Weihrauchwolken, vom glas
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