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Wartburglieder. 31
Nach ſeinem Plan ward Stein auf Stein gerücket,
Der Raum geteilt, der Giebel aufgedacht:
Was uns in Hof wie Halle itzt entzücket,
Der kühne Schwung, das Ebenmaß, die Pracht,
Iſt ſeine Schöpfung. Fröhlichem Gelingen
Half ernſter Fleiß und unermüdet Ringen.
Wie ſchnell zergeht, was andre Künſte ſchaffen,
Das Wort verfliegt, der ſüße Ton verhallt,
Die reichſte Farbe wehrt nicht als Gewaffen
Der Zeit Verwüſtung, und ihr Schmelz wird alt.
Er aber hat ſein Werk in Stein gedichtet
Und in den Berggrund quaderfeſt geſenkt,
Nun ſteht's für alle Zukunft aufgerichtet,
Bis keiner mehr in deutſcher Zunge denkt,
Wahrzeichen feſter Kraft und hoher Milde,
Dem Feind zum Trutz, dem Freund zu Hort und Schilde.
Erſpart bleibt fürder, willſt du Schönheit ſchauen,
Die Pilgerfahrt nach welſchem Land und Meer,
Wetteifernd mit dem Beſten fremder Gauen
Prangt hier ein Kleinod, kunſtdurchglänzt und hehr:
Gleich einem jener Marmorprachtpaläſte,
Entſtiegen aus Venedigs Meeresſchoß,
Hebt ſich Thüringens jungfräuliche Feſte
Auf deutſchem Berge ſäulenſchlank und groß,
Statt Salzflutwogen rauſcht um ihre Mauern
Der Eichen und der Buchen flüſternd Schauern.
Nun walte Gott ob den geſchmückten Räumen
Und ſchirme, den die Burg als Herrn verehrt:
Viel gutes Tagwerk und viel ſüßes Träumen
Sei ihm und all den Seinen drin beſchert.
Der Meiſter gibt die Schlüſſel aus den Händen,
Ihn lobt ſein Werk, er ſelber zieht davon;
Als Mann der Zugend Kunſttraum zu vollenden
Ward ihm verliehn zu beſtem Arbeitlohn.
Im Grundſtein ſeines Baues ruht ein Segen:
Heil ihm und den Bewohnern allerwegen!
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