http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke2/0033
10
Wartburglieder. 33
Wartburg⸗Abſchied.
Schon jagt der Winterwind im Land
Das Laub von Buſch und Bäumen,
Schneeweiß erblinkt der Höhen Rand ...
O Burg, ich muß dich räumen!
Im blauen Banner ſah ich gern
Den ſtreifigen Leuen“ glaſten*,
Wohl dem, der bei des Leuen Herrn
Als Fahrender darf gaſten!
„Der Landgraf iſt ſo hochgemut,
Daß er mit ſtolzen Helden,
Was er an Schätzen hat, vertut,
Und ſolcher Sinn iſt ſelten.
Fährt Zug um Zug zum Hofe ein
Und droht ihn aufzuzehren:
Er klagt noch, daß zu wenig ſei'n,
Die ſeines Gutes gehren'.
„Bei ihm zerrinnt die ſchlimme Zeit
Mit Stechen und Tjoſtieren**n,
Mit Ritterſpiel und Höviſchheit,
Foreſtenf und Turnieren;
Das beſte Roß verſchenkt ſein Mund,
Als ob's ein Lamm nur wäre,
Und gält ein Weinfaß tauſend Pfund,
Stünd“ doch kein Becher leere?.“
So lebt, o Herr, im Liede ſchon
Dein Lob und Anerkenntnis,
Und uns erquickt als beſter Lohn
Ein freies Kunſtverſtändnis.
Dir hat Frau Aventiuren Kuß
Die Fünglingſtirn geadelt,
Hoch ehrt dein Lob, doch danken muß
Auch der, den du getadelt.
* Das Wappen von Thüringen zeigt, wie das heſſiſche, einen geſtreiften
Löwen im blauen Feld. — * Glänzen. — *** „Ljoſt“ iſt der ritterliche Zwei⸗
kampf zu Pferde mit der Stoßlanze. — † Eine beſondere Art des Turniers,
bei der eine Anzahl von Rittern ſich in ein „korest“ oder „foreis“ lagt, um
ſich dort zurmm Einzelkampfe herausfordern zu laſſen.
Scheffel. II. 3
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke2/0033