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38 Frau Aventiure.
Der Schwätzer und Verleumder Rat:
Ein frankes Herz bleibt kühl wie Eis
Bei züngelndem Verrat.
König Richard von England“.
„J'ai nuls hons pris ne dirait sa raixon*.“
Nie trieb ich Menſchenfang und derlei Dinge
Und nie ging anders als gradaus mein Gang,
Nun lieg' ich ſelbſt verſtrickt in fremder Schlinge
Und ſuche Troſt und Stärkung im Geſang.
Viel' Freunde zählt' ich... keine Gabe fällt ...
Schmach über ſie! um ſchnödes Loskaufgeld
Duld' ich zwei Winter ſchon des Kerkers Not.
Wohl wiſſen meine engliſchen Barone
Norman, Gaskon, Poitous Ritterſchaft,
Daß ich mit Freuden meine Königskrone
Für ſie verpfände, fielen ſie in Haft.
Und fehlte nur der ärmſte Schildgefährte,
Ich ruhte nicht, bis er mir wiederkehrte:
Doch immer noch duld' ich des Kerkers Not!
Klar ſeh' ich nun, wer tot und wer gefangen,
Hat keinen Freund und keinen Better mehr,
Und kommt man, Gold und Silber zu verlangen,
Iſt jeder arm und jede Truhe leer.
Mir tut's um mich, mehr um mein Volk noch leid.
Nach meinem Tod flucht man der Knickrigkeit,
Die mich vergehn ließ in des Kerkers Not.
Staunt ihr, wenn Schmerzen mir das Herz durchbohren?
Der eigne Lehnsherr wüſtet mir mein Land,
* In Gefangenſchaft auf der deutſchen Reichsfeſte Drivels,
Winter 1194.
* Anfangszeile des überſetzten Liedes. Scheffel erweltert die Strophe
der Vorlage, der er im übrigen ſehr genau folgt, um eine Zeile und macht
aus ihrem „Geleit“ eine regelnäßige Strophe. Den kehrreimartigen Strophen-
ſchluß hat ſchon das Urbild. Über die geſchichtlichen Vorausſetzungen des
Liedes vgl. neben den Ainnnerkungen Scheffels auch das Gedicht „Trifels“ im
„Gaudeans“, Bd. 1 dieſer Ausgabe, S. 108.
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