http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke2/0046
46 Frau Aventiure.
Du weißt, daß ich bei Fiedeln und Floitieren*
Des Amts, den Speer zu führen, nie vergaß,
Und, riefen mich Poſaunen zum Turnieren,
Riefſt du zum Streit, ſtets feſt im Sattel ſaß.
Als Erfurts Gärten unter Hufgeſtampfe
Zertreten wurden**, ſtund ich frank im Kampfels.
So nimm denn heut, da wir nicht unter Schilde
Austraben müſſen, mild mein Buch zur Hand;
Vielleicht daß es mit manchem bunten Bilde
Erinnerungverklärter Zeit dich mahnt...
Wir neiden dich um jene goldne Jugend,
Da als den Seinen dich Paris verehrt,
Da König Ludwigs Hof dich Rittertugend,
Sankt VBictors Schule Weltweisheit gelehrt'.
Der Bart ergraute.. . Doch, Geſang zu lieben,
Iſt dir als Erbteil jener Zeit geblieben.
Vielleicht daß dort dir auch des Grals Geſchichten
Die Dame der Champagne einſt erzählt,
Marie von Frankreich**r, die mit ſüßem Dichten
Die Sagen der Bretonen neu beſeelt's.
Du haſt manch eine Truhe wohlbeſchlagen
Dir damals aus der Ferne heimgebracht,
Dran die Frau Mutter wenig Wohlbehagen
Kundgab und ſchalt, als man ſie aufgemacht:
„Ein Lied.. noch eins. .und aber eins. und wieder:
Eiei, Herr Sohn, nur Fabliaux und Lieder?!“
Ich ſeh' dich lächeln. Aus metallnen Decken
Entfalteſt du ein ſtattlich Pergament,
Von Goldgrundbildern ſchimmern Rand und Ecken,
Du aber ſprichſt, was lang' mein Herz erſehnt:
* Flöte blaſen; ein mehrfach von Wolfram gebrauchtes Wort. — ** Die
hier zugrunde liegende „Parzival“-Stelle, die Scheffels Anmerkung mitteilt,
ſpielt auf eine Belagerung Philipps von Schwaben in Erfurt durch Otto IV.
und ſeine Verbündeten im Jahre 1203 an. — * Marie, die älteſte uns be—
kannte franzöſiſche Dichterin, ſtammt aus Frankreich, lebte am engliſchen Hofe
und behandelte in den 70er Zahren des 12. Jahrhunderts bretoniſche Stoffe in
anmutigen Versnovellen, ſogenannten Lais.
65
70
7⁵
85
90
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke2/0046