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Biterolf. 63
Klopft dann der Oberforſtherr Tod
An meine Kemenaten,
Sein Klopfen wird mir nicht zu Not
Und ewiger Pein geraten.
Näht mich in eine Hirſchhaut ein
Im grünen Sonntagkleide,
Das FJagdhorn von Weißelfenbein,
Den Spieß legt mir zur Seite:
Verſchließt die Berggruft mit dem Schild,
Deckt ſie mit Moos und Raſen,
Ich hoff' von dort einſt Wald und Wild
Zur frohen Urſtend zu blaſen.
Eine Totenfeier.
Anno domini M. C. nonagesimo
Septimo decimo Kalendas Novemb.
obiit Ludewicus pius, tertius Thur-
ingorum Landgravius et hice sepultus.
Epitaphium Reinhartsbrunn“.
Zu Reinersbrunn im Chor ward einer reinen
Und tapfern Seele heut ein Mal geweiht
Und zu der Ahnen Grabgedächtnisſteinen
Der für den Füngſtbeſtatteten gereiht.
Die Orgel ſchweigt. Ernſt ſah man aus den Hallen
Der Beter dunkle Scharen heimwärts ziehn,
Nichts regt ſich mehr — nur Weihrauchwölklein wallen
Ums ew'ge Licht gleich Schemen her und hin,
Ich aber lehne noch in ſtiller Trauer
Beim Steingebild' an des Gewölbes Mauer.
Fürwahr, du biſt's: Thüringens Herr, der Milde,
So wie du auszogſt auf die letzte Fahrt,
* „Am 16. Oktober 1190 ſtarb Ludwig der Milde, der dritte Landgraf
von Thüringen und wurde hler beſtattet. Grabſchrift in Reinhardsbrunn.“
Der Landgraf, ein Neffe Friedrichs JI., war von Brindiſi zu Schiff ins Heilige
Land gefahren und hatte mit ſeinen Scharen an der Belagerung von Akkon
tätigen Anteil genommen. Krank und verſtimmt über die Anmaßung der
franzöſiſchen Kreuzfahrer, verließ er aber im Herbſte 1190 das Heilige Land
und ſtarb auf der Heimkehr bei Cypern. Seine Gebeine wurden in dem
Ziſterzienſerkloſter Reinhardsbrunn bei Friedrichroda in der Weihnachtsnacht
des gleichen Fahres beigeſetzt.
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