http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke2/0067
10
15⁵
Biterolf. 67
Der Rennſtieg.
Das war ein Ritt! — laß dir von ihm berichten —
Ein Ritt auf wilder, moosverſtrüppter Bahn:
Er galt des Forſtmanns friedlich heitern Pflichten,
Und Heldentaten wurden nicht getan.
Doch wem der Heimat reine Lüfte teuer,
Wer grüne Farbe über alles hält,
Der fragt nicht viel nach Kampf mit Ungeheuer,
Nach Lorbeerkronen welſcher Fabelwelt...
Vergnügt, wenn ihm ſein täglich Brot beſcheret
Und jener Harzduft, der die Seele nähret.
Wir trabten aus — getreue Waldespfleger,
Die Henneberger, die des Abts von Fuld
Und andre mehr, beſtandne Meiſterjäger,
Wie ſie berief verſchiedner Landherrn Huld.
Auf Bergesſcheiteln läuft ein alt Geleiſe,
Oft ganz verdeckt vom Farnkrautüberſchwang;
— Schickt ſich der Storch zum ſiebtenmal zur Reiſe,
So neut ſich dort der Nachbarn Grenzbegang:
In Forſt und Jagd gilt's, Zweiungen zu einen
Und neu die Mark zu zeichnen und zu ſteinen.
Kein ſteinern Pflaſter, drauf die Römer zogen,
Wie es mein Aug' im Heil'gen Land erſchaut,
Mit Meilenzeigern, Waſſerleitungbogen,
Mit Grabdenkmalen, Brücken reich umbaut —
Ein deutſcher Bergpfad iſt's! Die Städte flieht er
Und keucht zum Kamm des Waldgebirgs hinauf,
Durch Laubgehölz und Tannendunkel zieht er
Und birgt im Dickicht ſeinen ſcheuen Lauf.
Das Eichhorn kann von Aſt zu Aſt ſich ſchwingen,
So weit er reicht, und nicht zum Boden ſpringen.
Der Rennſtieg iſt's: die alte Landesſcheide,
Die von der Werra bis zur Saale rennt
Und Recht und Sitte, Wildbann und Gejaide
Der Thüringer von dem der Franken trennt.
. 5*
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke2/0067