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Biterolf. 69
Dort im Gewirr der nah' und fernen Rücken
Erkannt' ich auch den hohen Stillerſtein
Und ſah gerührt mit heimatfreudigen Blicken
In meiner Kindheit rauhes Land hinein.
Wer kennt das Strohdachdörflein in dem Tale,
Durch das die Stille zur Smalkalde fließt?
's iſt meine Hauptſtadt?“s“! — leider eine kahle,
Wo Hirſe nur und dünner Hafer ſprießt.
Bleib' ihr als einz'ger Schatz denn unentweiht
Das Glück zufriedner Abgeſchiedenheit.
Und als wir kamen zum Dreiherrenſteine“,
Briet ſchon am Spieß das Reh, das wir erlegt,
Am Steintiſch ward in traulichem Vereine
Im Namen der drei Herrn des Mahls gepflegt,
Und da geſchah, nach Brauch der Nachbarmärker,
Daß jeder Gaſt auf eigner Boheit ſaß,
Und doch der Thüring und der Henneberger
Mit dem von Fuld aus einer Schüſſel aß.
„In ſtrengen Rechten Nachbarſchaft und Frieden!“
So ward's durch dieſes Sinnbild uns beſchieden.
Viel Volks war unſrer Mahlzeit zugelaufen,
Als wär's ein heidniſch Götzen-Opferfeſt,
Sie lagerten im Gras in bunten Haufen
Und ſchmauſten des gebratnen Rehbocks Reſt.
Und mit dem Hanoͤſchuh winkt' ich ſie zum Kreiſe:
„Als wär' zur Stund' ein Waldgericht gehegt,
Sei jedem jetzt nach Weidmannszeugnisweiſe
Des Tags Bedeut ſein Lebtag eingeprägt!
Wir Förſter ſchreiben ungern mit der Feder,
Doch unſre Zeichenſchrift verſteht ein jeder.“
... Die Knaben zupft' ich weidlich an den Ohren*n,
Den Mannen fuhr ich raufend durch den Bart
* Am Breiherrenſtein füdweſtlich vom Inſelsberg ſtoßen noch heute die
Grenzen von Preußen (ehemals Kurheſſen), Sachſen⸗Meiningen und Sachſen⸗
Gotha zuſammen. — ** Die uralte, beſonders bayeriſche Sitte, bei wichtigen
Rechtshandlingen, wie Setzung eines Grenzſteines, Knaben zuzuziehen und
an den Ohren zu zupfen, hat ſich bis ins 18. Jahrhundert gehalten.
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