http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke2/0077
95
10⁰
105
110⁰
11¹⁵
120
12⁵
Der Mönch von Banth. 77
Dieſes Rieſenungetüms beſchaffen,
Und in ungeſtümer Steinbrecharbeit,
Doch mit Vorſicht löſend, nicht zertrümmernd,
Sprengten wir die ganze Felſendecke.
Sieh! da kamen als des Hauptes Fortſatz
Ungeheure Rückenwirbelknochen,
Erſt zuſammenhängend, wohlgefügt noch,
Dann zerſtreut, dahin, dorthin verſchleudert,
Gleich als ob das Tier, nachdem's verendet,
Von der Sündflut, die es hier begraben,
Lang' erſt hin und her geſchwemmet worden.
KRund war ihre Form, ſchier wie die Steine
In dem Brettſpiel, aber zehnfach mächt'ger.
Schlank und lang, gleich Reifen eines Faſſes,
Reihten dran ſich mächtige Seitenrippen,
Aber ſtatt des Fußes ſahn wir deutlich
Spuren einer ſchuppenſtaͤrken Floſſe,
Ähnlich einer Sohle, die mit ſchweren
Nagelköpfen um und um beſchlagen.
„Da ſprach ich, von Banth der Mönch Nicodemus:
‚Lobet Gott, denn groß ſind ſeine Werke.
Und ich ging, dem Abte es zu melden.
„Doch zur Nachtzeit, als der Mond mit vollem
Glanze aufging ob dem Staffelberge
Und die Sterne in dem Main erblitzten,
Trieb mich's wieder hin zu dem Gebilde.
Gleich wie einer, der die Totenwacht hält,
Saß ich bei den ausgegrabnen Knochen,
Einen Blick in graue Schöpfungsdämm'rung
Tat ich und andächtigen Sinnes dacht' ich:
„Sei gelobt, Herr Himmels und der Erde,
Der du ſolchen Zeichens mich gewürdigt,
Zeichens von der Erdenſtoffe Wandlung.
Dieſer alſo, deſſen ſteinern Haupt ich
Hier berühre, war ein grimmer Meerdrach',
Ein Serpant von zehen Männer Länge,
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke2/0077