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84 Frau Aventiure.
Würzige Waldluft blies ums ſchwüle Haupt mir,
Wie ich ſie ſeit Monden nicht geatmet,
Und ſtatt Mückenſummen klang dem Ohre
Morgenfriſch ein ferner Lerchenwirbel.
Blindlings war ich hingerannt am Berghang,
ZFetzo hielt ich an des Weges Biegung,
Wo ein ſteinern Feldkreuz aus dem Korn ragt,
Hob den Blick als wie ein Grabentſtiegner
Fremd und ſcheu: Wo ſteh' ich und was will ich?
Sieh, da lag in heiliger Morgenſtille,
Von der Berge Waldkranz grün beſäumet,
Breit ſich dehnend das geſegnete Maintal;
Über dunklem Rücken ſtund im Oſten
Licht Gewölk, ſchon färbte leiſe Röte
Als der Sonne vorauseilende Botin
Ihm den Rand.. . und lange goldne Streifen
Schnitten wagrecht da und dort durchs Düſter,
Während ſanft verglänzend auf des Kloſters
Tüvrme ſilbern noch der Mond herabſah.
„Langſam wich und ſank der Nebel Dämm'rung,
Schon erblinkte jenſeit über Weißmain
Hell die Felswand auf dem Kortigas,
Und der Sonne flammengoldne Scheibe
Stieg empor in hehrer Majeſtät...
Stieg empor und hauchte milden Lichtglanz
In die Talflur, auf der Berge Spitzen,
Ringsumher auf Triften, Höhen, Saatfeld,
Turm und Haus und in der Menſchen Herzen.
„Nah im Kornfeld, wo mit braunen Halmen
Reif der Weizen auf und nieder wogte,
Schritt ein Mann und ſang auf früher Wand'rung:
Brechet den Schlummer und ſäumet euch nicht,
Die ihr begnadigt, zu wandeln im Licht;
Sorge und Not, die das Herz euch beſchwert,
Wird von dem Strahle des Frühlichts verzehrt!
Stolzen Schalls rief itzt die große Glocke
Von dem Kloſterturm zur Morgenmette.
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