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Der Mönch von Banth. 85
's war der Tag des heiligen Kaiſer Heinrich,
Der in Bambergs Bistumſprengel dankbar
Als Patron und Kirchenherr verehrt wird...
Und als wehend Echo trug die Frühluft
Übers Tal jenſeitige Glockenklänge
Von dem Turm der Vierzehnheil'genwallfahrt
Und vom fernen Aldegundiskirchlein
Auf dem Staffelberge, das der junge
Eremit in felſiger Klauſe hütet.
„Jene Stunde bracht' auch mir Erleuchtung.
Tränen linderten die Herzensſchwere,
Niederknieend ins betaute Riedgras
Schlug ich meine Bruſt in Sündersweiſe:
‚War's ein Traum, der mich verſtrickt hielt? ſprach ich,
‚Dieſe Gottesſonne konnt' ich haſſen,
Schwarz ſehn dieſe lichte Gotteswelt?
Aus dem Hauypt entflieht's wie Morgennebel,
Von den Augen fällt's wie böſe Schuppen,
Hell und ſehend bin ich wie Tobias.
Sei gegrüßt mir, Tal im Morgenlichte,
Grüner Berg und Silberſaum des Maines,
Altes, gutes, liebes Frankenland!“
„Und zurück zur Kloſterkirche ſchritt ich.
„Jenen Abend führten mich die Brüder,
Den verlornen Sohn, zum Arboretum,
Daß ich dort beim Veſpertrunk erzähle
Krankheit, Kriſis, Heilung ... und der Abbas
Wittegowo reichte mir den Steinkrug
Und ſprach lächelnd: ‚Trink' ihn, Nicodeme,
Trink' ihn aus; und will dich's wied'rum plagen,
Daß die Welt dir mißgeſchaffen ſcheinet,
Nicodeme, dann gedenk’ der Mücken!
Fröhlich Herz bezwingt den größten Drachen,
Traurig Herz erliegt im Mückenkampfe.
Nicodeme, ..trink' den Steinkrug aus!““
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