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Frau Aventiure.
Es iſt um dieſen Abſchied nicht,
Daß ſie betränt erſcheinen!“
Und als er kam zum Stift am Bach,
Die Stiftsherrn winkten beim Becher:
„Es wettert jach! tu' fein gemach!
Verkoſt' unſern Sorgenbrecher!“ —
„Hei Mortnauwein!“ ſprach Irregang,
„Du heilſt viel ſchwere Wunden,
Doch wem das Herz in Wermut ſchwimmt,
Dem mag kein Trunk mehr munden.“
Und als er kam zum Schloß am Berg,
Der Torwart rief vom Turme:
„Wohl her zur Burg! Dein Wanderwerk
Taugt nichts bei Nacht und Sturme!“ —
„Heil euerm Haus!“ ſprach Irregang,
„Dort ſpielt' ich in beſſern Tagen,
Doch wenn die letzte Saite ſprang,
Wird's ſchwierig, Laute zu ſchlagen.“
Und als er auf den Höhen ſtand,
Wild ſchnob des Windes Blaſen,
Blies allen Schnee zuhauf im Land
Und deckte Joch und Straßen.
„Willkomm, Freund Schnee“, ſprach IFrregang,
„Herberg' mich, kühler Geſelle,
Die Stirne glüht mir heiß und bang,
Ich bin zur rechten Stelle!
„Hier find' ich, wie ich nur wünſchen mag,
Weichweißeſte Linnen und Decken
Und Hochzeitſchlaf! ... bis zum Füngſten Tag
Soll mich kein Wächterhorn wecken!
Hei Frregangs letzter Frregang!
Was ſchauert ihr, Neidhartgeſichter?
Er träumt, er halte die Braut im Arm,
Halai, wer löſcht ihm die Lichter?“
Ich glaube, den Wanoͤrer im Narrenkleid
Hat Schnee und Sturmnacht begraben;
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