http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke2/0097
10
15⁵
Fahrende Leute. 97
Die Herberge am See.
Salutemus, socii
nos qui sumus bibuli
tabernam sicco ore *
„Carmina Burana“, Nr. 180.
Dich feiern die freudigſten Lieder,
Taberne zum lachenden Hecht,
Sind auch deine Hallen nur nieder,
Uns Fahrenden ſind ſie gerecht.
Hier trink' ich bekümmernisledig
Lenzlüfte und ſonnigen Schein,
Und wär' ich der Fürſt von Venedig,
Mir könnt' nicht wohliger ſein.
Eine enge Dachkemenate
Herbergt mich als Dogenpalaſt,
Und eine bretterne Lade
Mein Hab' und Beſitztum umfaßt.
Ein Bänklein im Schatten der Linde
Iſt mein heiliger Markusplatz,
Dort ſpielen die Fiſcherkinde
Mit der ſcheckigen Kloſterkatz'.
Mir lagert, als Kreuzzugsgaleere,
Ein Einbaum im Arſenal,
Den ſteur' ich in friedliche Meere
Als mein eigener Admiral.
Ein Schaumtrunk braunrötlichen Bieres
Erquickt mich ſtatt kypriſchem Wein ...
Wen luſtet des Malvaſieres,
Wo Malz und Hopfen noch rein?
So horſt' ich, von Frühlingsgnaden
Ein glücklicher Meermann, allhier;
Hoch weht ob den weißen Geſtaden
Der fahrenden Schüler Panier.
* „Grüßen laßt uns, Geſellen, die wir durſtig ſind, das Wirtshaus mit
trockenem Munde.“ .
Scheffel. II. 7
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke2/0097