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Frau Aventiure.
Nicht neid' ich der Welt ihre Wonnen,
Noch allen neunfarbigen Dunſt:
Still liegen und einſam ſich ſonnen
Iſt auch eine tapfere Kunſt.
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Kahnfahrt.
Solis iubar nituit
nuncians in mundum
quod nobis emicuit
tempus laetabundum“*.
„Carmina Burana“, Nr. 54.
Heut wirft mich aus der Stube
Ein ſtarker Sonnenſchein,
Friſchauf, mein Schifferbube,
Es muß gerudert ſein.
Die Zither will ich holen, 5
Hol' Stangen und Netz, Geſell,
So hat von uns jedweder
Sein Handwerkzeug zur Stell'.
Die Waſſerbahn ſteht offen,
Die Kampenwand glänzt blau 10
Und badet ihre Schroffen
In klarem Morgentau.
Und ob der Inſelwaldung
Schaut weiß der Wendelſtein
Als Fubelgreis im Eisbart 15
Ins farbige Bild hinein.
Kein Menſch kann das uns geben,
Die Minne ſelber nicht,
Das ſonnenwarme Leben,
Das hier zur Seele ſpricht. 20
Laß unſern Kahn nur treiben!
Allum iſt's fein und ſchön;
Hier iſt vom Weltenbauherrn
Ein Meiſterſtück geſchehn.
* „Der Sonnenſchein ſtrahlte die Botſchaft in die Welt, daß uns eine
fröhliche Zeit aufgegangen iſt.“
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