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Frau Aventiure.
Von Liebe und Leben ſcheidend.
Periculosa res est desperatio“.
Alter Spruch.
Nach des Waldwegs letztem Biegen
Schau' ich feſtgebannt und ſtarr,
Schau' nach eines Schleiers Fliegen —
Schau' umſonſt ... was ſchaut der Narr?!
Läutet, Glocken, dumpfen Schalles
Einem armen Mann zu Grab:
Hier war's, o mein Eins und Alles,
Wo ich dich verloren hab'.
Hier war's, wo du hoch vom Roſſe
Einmal noch das Haupt gewandt,
Wo dein Aug', das dunkle große,
Mir den letzten Blitz geſandt.
Mit unſichtbaren Gewalten
Zog es dich zu mir zurück,
Bis im Forſt, im tannenalten,
Unfreiwillig loſch dein Blick.
Nur wer ſehnend in der Sonne
Untergeh'nde Gluten ſpäht,
Kennt die ſchmerzenbittre Wonne,
Die aus ſolchem Blick erweht.
War dich finden, dich verlieren
Nicht wie kurzer Sonnenkuß?
Auch dein Scheiden glich dem ihren,
Denn ſie ſcheidet, weil ſie muß.
Könnt' ein Zauberfluch beſchwören
Sehnender Verzweiflung Pein,
Hei! Du würdeſt wiederkehren,
Würdeſt mein ſein, und ich dein!
Götterneid und fremde Lenkung
Reißt dich über Meer und Land,
Und mir bleibt, als letzte Schenkung,
Ach, ein Streif nur vom Gewand.
* „Ein gefährlich Ding iſt die Verzweiflung.“
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