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Frau Aventiure.
Gott ſchenk' dir noch manch luſtſam Fahr,
Tanz, Schall und Roſenfeier.
Fahr wohl, duftſüßer Lindengang?“
Zur Garſtner Kloſterpforte“,
Wo ich in erſtem Singedrang
Den Vöglein ſtahl die Worte.
Fahr wohl, ſchneeblanke Alpenpracht,
Umblitzt vom Abendſtrahle!
Friſchrauſchend drängt die Enns mit Macht
Den Flutenſchwall zu Tale,
Und Well' um Welle raunt mir zu:
„Auf, flieh mit uns ins Weite,
Der Tapfre kennt nicht Raſt noch Ruh',
Und Kraft wächſt nur im Streite.“
Nun will mein Schritt ſich frei und frank
Zu fremden Freunden kehren;
Ich hab' gedient, mir ward mein Dank,
Mein Abſchied ſteht in Ehren;
Und wie mit treuem Murmeltier
Singknaben ſich belaſten,
Trag' ich mein hungrig Glück mit mir,
Es ſitzt im Fiedelkaſten.
Jetzt gilt es, Hand und Kopf gerührt
Und zeitig auf die Beine,
Den Gürtel feſt und knapp geſchnürt,
Den Schnabel fern vom Weine!
Die Zukunft dämmert ungewiß,
Ich fahr' auf neuen Straßen...
Der Strom und Wellen wandern hieß,
Der wird mich nicht verlaſſen.
* Die ehemalige Benediktinerabtei Garſten liegt ſüdweſtlich von Steyr.
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