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Heinrich von Ofterdingen. 125
Rechts und links und ob dem Haupte
Wölbte ſich im Überſchwang
Herbſtgoldbraun der dichtbelaubte
Traubenſchwere Rebenhang.
Auf dem Handſchuh deiner Rechten
Saß dein Pſittich eingeklemmt,
„Spielte mit den Lockenflechten,
Mit des Buſens Faltenhemd.
Und den Schäker ſüß zu nähren,
Pflückteſt du ein Traubenpaar;
Reichteſt ihm die blauen Beeren
In der hohlen Linken dar.
Buſchig ſträubt' er ſein Gefieder,
Denn ſo wohl war ihm noch nie,
Bog den Schnabel hackend nieder,
Rief auf welſch: „Merzi, m'amye!“
Und in eiferſücht'gem Neide
Hub mein Herz zu ſeufzen an:
„Hei der ſüßen Schnabelweide...
Wär' auch ich ein Papegän!
„Fräße gern dir, zahm wie jener,
Gute Speiſe aus der Hand,
Zauſte gern dir, zahm wie jener,
Lockenſchwall und Miederband,
„Trüge gern am Fuß wie jener
Deiner Feſſeln leicht Gewicht...
Alles tät' ich dir wie jener,
Nur Franzoiſiſch ſpräch' ich nicht!“
Chriſtnacht.
Daß ich nach langer Trennung Leid
Die Gute durfte ſchauen,
Das war in weihnachtheil'ger Zeit
Vor Tagesgrauen.
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