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Heinrich von Ofterdingen. 129
Flickſchuſter im Gaden?* ſchwingt's Käpplein und ſpricht:
„Der Himmel in Enaden vergißt unſer nicht,
Sohlleder wird teuer, Bundſchuh platzt am Rand,
Der Heini von Steier iſt wieder im Land.“
Schon ſchwirren zur Linde, berückt und entzückt,
1o Die lieblichen Kinde mit Kränzen geſchmückt:
„Wo ſäumen die Freier? Manch Herz ſteht in Brand...
Der Heini von Steier iſt wieder im Land.“
Und wer ſchürzt mit Schmunzeln den Rock ſich zum
Sprung?
Großmutter in Runzeln, auch ſie wird heut jung ...
15 Sie ſtelzt wie ein Reiher dürrbeinig im Sand ...
Der Heini von Steier iſt wieder im Land!
Der Hirt läßt die Herde, der Wirt läßt den Krug,
Der Knecht läßt die Pferde, der Bauer den Pflug,
Der Vogt und der Meier kommt ſcheltend gerannt:
„Der Heini von Steier iſt wieder im Land!“
Der aber hebt ſchweigend die Fiedel zur Bruſt ...
Halb brütend, halb geigend — des Volks unbewußt.
Leis kniſternd ſtrömt Feuer um Saiten und Hand ...
Der Heini von Steier iſt wieder im Land!
2 ... Im Göärtlein der Nonnen auf blumiger Höh'
Lehnt eine am Bronnen und weint in den Klee:
„O Gürtel und Schleiero ſchwarzes Gewand...
Der Heini von Steier iſt wieder im Land!“
3. Herbſtreigen.
Wohlauf, ihr zieren Frauen,
Laßt euch noch einmal ſchauen
In ſchmuckem Convenanz**!
Brecht euch die letzten Roſen
—
* Laden, Werktſtatt. — ** Ein bei Neithard erwähnter Tanz govenanz
(aus franzöſiſch convenance).
Scheffel. I. 9
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