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Heinrich von Ofterdingen. 141
Lang und breit von Roſen
In königlicher Pracht.
Ein Feld breit einer Meilen
Trägt blühend Strauch um Strauch,
Bis zu dem andern Ufer
Schwingt ſich des Wohlruchs Hauch.
Vier Türme von grauen Steinen
Die Pforten ſollen ſein;
Die Türen helfenbeinen
Schimmern in weißem Schein.
Auf jedem Turme dräuet
Von Golde rot ein Aar,
Die leuchten durch die Mitternacht
Wie Mittagſonnen klar.
Von Golde ſind die Schlöſſer,
Die vor den Pforten ſtehn,
So wohlgetan wird ſelten
Ein Hof von Roſen geſehn.
Wer ſchuf den Hof ſo tauglich?
Eine Maid hat das getan,
Die iſt eines Königs Tochter.
Von ihr ſagt man uns an:
Sie hat ſich angetrauet
Einem Degen wohlbereit,
In den Roſen will ſie merken
Seine Frömmigkeit.
Er gleichet einem Falken
Und trägt eines Löwen Mut;
Er hält in ſeinen Händen
Ein Schwert ſo groß und gut.
Das iſt von Nibelungen
Ein Gewaffen alſo feſt,
Daß er von keinem Übermut
Seine Mannkraft zwingen läßt.
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