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Einleitung des Herausgebers.
Auf dem Kirchhof in Säckingen ſteht eine Grabplatte aus
rotem Sandſtein, deren lateiniſche Inſchrift unter einem Doppel⸗
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wappen meldet, daß durch einen hochſeligen Cod zu ewiger Ruhe
eingegangen ſeien das „an gegenſeitiger Liebe unvergleichliche
Ehepaar“: Dom. Franciscus Werner Kirchhofer et Domina Ma-
ria Ursula de Schönauw, jener, am 31. Mai 1690, dieſe am 1. März
1691 verſchieden. An dieſen Grabſtein knüpft ſich eine Säckinger
Ortsſage, von der auch Scheffel während ſeines Aufenthaltes in
der Waldſtadt Kenntnis erhielt. Die Sage meldet: Werner
Kirchhofer, ein Bürgersſohn aus Säckingen, wirkte als trefflicher
Muſikus in der Kapelle, die der Freiherr von Schönau in ſeinem
Säckinger Schloſſe ſich hielt. Er gewann die Liebe der Tochter
des Freiherrn; der aber verbot darauf Werner das Haus und
brachte die Tochter nach Wien, wo ſie Hoffräulein wurde. Die
Liebenden konnten vor der Trennung noch verabreden, daß der
Namenszug des Fräuleins, ans Kirchentor der Stadt geſchrieben,
in der ſie ſich aufhielt, ihnen ein Wiederſehen ermöglichen ſollte.
Werner wandte ſich bald darauf gleichfalls nach Wien, bildete ſich
dort in ſeiner Kunſt weiter und ward ſchließlich Hof- und Dom⸗-
kapellmeiſter. Eines Tages fand er am Domtor den Namenszug
der Geliebten und ſtellte nach dem Gottesdienſte ſich ſpähend am
Ausgange auf; als das Fräulein ihn erkannte, fiel ſie in Ohn-
macht. Das Hofgefolge und ſchließlich der Kaiſer wurden dadurch
aufmerkfam auf die Liebenden und ihre Geſchichte. Der Kaiſer
erhob den Kapellmeiſter in den Adelsſtand, ſo daß nun auch der
alte Freiherr der Vermählung zuſtimmen durfte.
Die Sage entbehrt nicht des geſchichtlichen Hintergrundes.
Nach Ausweis von mancherlei noch vorhandenen Urkunden und
Akten hat der Bürgersſohn Franz Werner Kirchhofer aus Säckin—
gen, geboren am 1. April 1633, ums Jahr 1657 mit der ein Jahr
älteren Maria Urſula, Tochter des Otto Rudolf von Schönau,
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