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Einleitung des Herausgebers. 181
und Bewohner als in ihren geſchichtlichen Erinnerungen ergriffen,
mit hellen Augen beobachtet, mit warmem Herzen durchfühlt und
mit jener belebten Anſchaulichkeit geſchildert iſt, wie ſie unſerem
Dichter einzig eignet. Das Rauſchen der harzduftigen Tannen-
wälder, der weite freie Blick von den Höhen bis zu den Bergrieſen
der nahen Schweiz, das Brauſen des jungen Rheins, die Stille
des grünen Bergſees, das Wunder der Tropfſteinhöhle von Haſel,
das Städtchen mit der doppeltürmigen Stiftskirche, der Inſel im
Rhein, den Kaſtanien ums Schloß und dem freskengeſchmückten
Gartenhaus, dem Güldenen Knopf und ſeiner kühlen Wirtsſtube,
dem geſchäftig engen Treiben ſeiner Einwohner, dann die Bauern
in der Runde, der Hauenſteiner urwüchſig derbes Waldvolk, dazu
die reiche Geſchichte des Landes von der Ankunft des iriſchen Glau⸗
bensboten bis auf den Hauenſteiner Rummel: das alles lebt in
der Dichtung in wunderbarer Anſchaulichkeit und Friſche und gibt
ihr einen erſtaunlich farbenreichen, bunt bewegten Hintergrund.
Und nicht bloß in allgemeinen Zügen wird all das geſchildert.
Eine Fülle von Einzelgeſtalten, meiſt nur mit ein paar Strichen
ſicher gezeichnet, drängen lebensvoll durcheinander. Der ein⸗—
fältige, menſchenfreundliche, duldſam gütige Landpfarrex und der
vornehme Abt von St. Blaſien, der gelehrte Kunſtkenner und ver⸗
bindliche Weltmannz; der ſchneidige Stabstrompeter Raßmann und
der unvergleichliche Fludribus; der arme Stadtſchulmeiſter mit
ſeinem Hunger und ſeiner Dichtkunſt und der junge Bürgermeiſter,
der die Dummheit ſeines Stadtrats ſich geigend aus dem Sinne
ſtreicht; der treue Anton und der grobe Schiffermartin: es wäre
nicht leicht, ein Ende zu finden in Aufzählung all der Geſtalten,
die da im luſtigſten Zuge an uns vorüberſchreiten. Sie erſcheinen
durchweg ſchärfer, wahrer, lebensvoller aufgefaßt als die Haupt-
geſtalten der Dichtung, unter denen eigentlich nur der alte Frei⸗
herr ſich mit perſönlicheren Zügen ausgeſtattet zeigt. Mit ſeiner
Pfeife und ſeinem Rotwein, ſeinen Flüchen und ſeinem Zipper-
lein, ſeiner unerſchrockenen Tapferkeit und der zärtlichen Liebe
zur Tochter als dem Abbilde der früh verſtorbenen Gattin, mit
ſeinem ſtarken Standesbewußtſein erſcheint er als eine glaubhaft
runde Geſtalt, überzeugender als die gar zu ſehr ins Himmelblaue
gemalte Margareta, als der allzu idealiſierte Werner, die, beide
blaſſe und völlig unproblematiſche Charaktere, ernſtlicheren Anteil
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