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182 Der Trompeter von Säckingen.
kaum zu wecken vermögen. Werden doch auch ihre Beziehungen,
ſobald ſie ſich verwickelt haben, ganz äußerlich, durch den Papſt
als eigentlichſten deus e machina gelöſt. Wobei freilich zugegeben
werden muß, daß auch dies Paar aus der immer noch friſcheren
und kräftigeren Geſtaltung des Dichters erſt durch die ſpäteren
maleriſchen und muſikaliſchen Bearbeiter des Stoffes zu fader
Süßlichkeit herabgezogen wurde.
Neben jener Wirklichkeitsfreude der Darſtellung, jener derben
Bodenſtändigkeit, der Wahrheit und Beſtimmtheit der geſamten
Umwelt iſt es vor allem der wunderbare Humor, auf dem die außer⸗
ordentliche Wirkſamkeit des kleinen Epos beruht. Des Dichters
ſcharfes Auge ſieht die Schwächen aller Einrichtungen und Geſtalten
ſeiner und damit überhaupt dieſer Welt und alles verfällt ſeinem
Spotte. Aber ſeine Fronie bleibt Humor im eigentlichen Sinne,
denn er ſchaut überall auch mit den Augen der Liebe, die alles ver⸗
ſteht und alles verzeiht: des Fludribus aufgeblaſene Pfuſcherei wie
die Dilettantenfreudigkeit der Muſiker des Orcheſters, die philiſter-
hafte Enge der kleinen Stadt wie die Trinkfreudigkeit, die Roheit
und Aufruhrluſt der Bauern, den heiligen Fridolin mit der leeren
CTaſche und ſeine unverſöhnliche Gegnerin, die „alemanniſche Groß⸗
mama“, die alten adligen Jungfern im Stift und die Schaffnerin
des ländlichen Pfarrers. Nichts bleibt vom Witze des Dichters
unberührt, der nur die beiden Hauptperſonen, nicht zu ihrem
Vorteil, verſchont. Er leuchtet bald in einem launigen Beiwort
auf („dünne grundſatzloſe Weißfiſch“), einer ſcherzhaften Zu⸗-
ſammenſtellung („der ſich fern noch an Lenorens blaue Augen
und des Elternſchloſſes Ratten ehrfurchtsvoll erinnerte“), einer
komiſchen Prägung („auf der Stirn des, der ihn ſpielte, troff der
Schweiß der Pflichterfüllung“), einer witzigen Allgemeinbemer-
kung (Dichtung und Statiſtit ſtehen leider auf geſpanntem Fuß“),
bald iſt er nachhaltiger am Amte, läßt ein wahres Feuerwerk ſpielen
und geſtaltet ganze Auftritte und Charaktere mit erſchütternder
Komik: man denke etwa an die wunderbare Schilderung der Or⸗-
cheſtermitglieder und der ſeeliſchen Nöte, die ihnen ihre verſchie-
denen Inſtrumente in die Hand drückten; über dem ganzen Werke
liegt der heitere, warme Glanz dieſer unerſchütterlich frohen Laune.
Es fehlt daneben freilich nicht an zahlreichen Außerungen einer
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peſſimiſtiſchen Weltauffaſſung. Aber nicht Menſchen ſind ihre
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