Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-2
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (2)
[1919]
Seite: 183
(PDF, 96 MB)
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Einleitung des Herausgebers. 183

Träger, e, ſondern Geſtalten aus der Natur, die in einer weſentlich

gezwungeneren Weiſe handelnd hineingezogen wird in den Witz

der Dichtung. In all ihren Erſcheinungsformen wird ſie vermenſch⸗
licht, um daran beteiligt zu werden. Nicht minder als die Liere,
der Kater, die Kröte, der Krebs, müſſen die Tannen reden, die
Kaſtanien, der Waldmeiſter, der Sturm, der Rhein und Libris,
ſie alle begleiten das Tun der Menſchen mit kritiſch ironiſchen Be⸗
merkungen. Meiſt in dem Sinne, daß ſie von ihrem Stand⸗-
punkte die menſchliche Hantierung abſchätzen und notwendig als
lächerlich empfinden, ſichtlich um zu zeigen, unter einem wie ein-
ſeitigen Standpunkt der Menſch anmaßlich die Natur betrachtet.
An nachdenklichen Zwiſchenbemerkungen läßt es der Dichter
überhaupt nicht fehlen, und oft ſchieben längere Stücke der Art
ſich ſtörend in die Erzählung ein. Dieſe ganze Naturvermenſch-
lichung bleibt gedankenhaft, und Geſtalten wie das Erdmännlein,
der verſteinerte Mann, der Rhein, auch der Waldgeiſt Meyſen-

hardus ſind ſchließlich nur kühl anmutende Allegorien. Selbſt der

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Kater Hiddigeigei fällt uns trotz allen Witzes nicht ſelten mit ſeinem
ausgedehnten „Meditieren“ beſchwerlich.
Das Gefühlsmäßige der Dichtung bleibt in der warmherzigen
Schilderung von Land und Leuten und dem liebenswürdigen
Humor beſchloſſen. Zu Liedern, die den gleichmäßigen Fluß der
Trochäen unterbrechen, hat es ſich nur an zwei Stellen verdichtet.
Der gemütliche Anteil des Dichters an ſeinen Hauptgeſtalten aber,
anders geſagt, ſeine eigene Liebe und Trauer, wie er ſie der Dich⸗
tung anvertraute, drängt ſich in dem Blumenſtrauß von Liedern
zuſammen, der als „lyriſches Intermezzo“ geſchickt da eingefügt
iſt, wo eine zeitliche Lücke in der Handlung und ein Wechſel des
Schauplatzes eintreten.
Es iſt eine Geſchichte der Barockzeit, die Scheffel vorträgt, und
er hat es meiſterhaft verſtanden, immer wieder durch kleine Einzel⸗
züge das Bewußtſein der Zeit lebendig zu erhalten, in der der
Leſer ſich befindet. Vor allem taucht der große, kürzlich erſt ver⸗
rauſchte Krieg wieder und wieder als der Hintergrund auf, auf
den die Ereigniſſe ſich beziehen. Er erſcheint dabei keineswegs
nach ſeiner allgemeinen weltgeſchichtlichen Bedeutung, ſondern
— das eben iſt das Lebendige, Dichteriſche — in ſeiner beſonderen
Einwirkung auf den einzelnen Menſchen. Seine erſtaunliche Kunſt


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