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186 Der Trompeter von Säckingen.
der wird in Form und Gedanken der eingeſchobenen Lieder Heines
Einfluß allenthalben deutlich genug; Platen, Lenau, Geibel,
Kopiſch, das Volkslied werden als Vorbilder daneben vereinzelt
erkennbar. Daß unſeren Dichter auch mit dem Versepos ſeiner
Zeit, mit Roquette und Kinkel vor allem manches verbindet, iſt
begreiflich; aber gerade im Vergleich mit dieſen Epen zeigt ſich ſeine
Selbſtändigkeit und Sonderart. Wenn etwa die Handlung als
Ganzes und ihre Figuren mit „Otto dem Schützen“ manche Ver⸗
wandtſchaft zeigen, ſo wird der grundſätzliche Unterſchied der dich⸗
teriſchen Haltung im übrigen nur um ſo deutlicher: wie blaß und
typiſch bleiben dort alle, auch die Nebenfiguren, wie unbeſtimmt,
ins Allgemeine verſchwemmt die Landſchaft gegenüber der Run⸗-
dung, der Sicherheit und Bodenſtändigkeit, der faßbaren Be—
ſtimmtheit des „Trompeters“! Wie epiſch iſt Scheffels Dichtung
ſelbſt Kinkels Werk gegenüber, geſchweige denn gegen Roquette
oder gar Oskar v. Redwitz, der den Einfall haben konnte, aus
Duft und Glanz ein Epos weben zu wollen!
Die Entſtehungsgeſchichte des „Trompeters“ haben wir in
unſerem Lebensabriſſe erzählt. In Säcingen ſelbſt noch war dem
Dichter der Stoff aufgedämmert, die Liebe zu Emma Heim hauchte
ihm die Seele ein. Der römiſche Winter voll Sehnſucht nach der
Heimat und der Geliebten gab ihm Geſtalt; auf Don Paganos
Dache in Capri ſprang er in wenigen Frühlingstagen ans Licht.
In Heidelberg ward er darauf noch teilweiſe umgeſtaltet, dann
aber ſtehengelaſſen, wie er war: „ich ſprach wie Pilatus: ‚was ich
geſchrieben habe, habe ich geſchrieben“, meldete der Dichter da⸗
mals Paul Heyſe. Auf Weihnachten 1853 erſchien die Dichtung
mit der Fahreszahl 1854 auf dem Titel und iſt ſodann, nur meh—
mals noch durch ein dichteriſches Vorwort bereichert, durch alle
Auflagen geblieben. Nicht ſogleich brach das Büchlein ſich Bahn.
Nach fünf Fahren erſt erſchien die zweite, nach neun Fahren die
dritte Auflage, dann aber begann ſein Siegeszug und ſeine beiſpiel⸗
loſe Verbreitung. Der Dichter konnte 1882 noch die 100. Auflage
bevorworten, und noch auf lange hinaus wird der fröhliche wangen⸗
rote Schwarzwaldſohn mit ſeiner unverwelllichen Friſche deutſche
Jugend entzücken.
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