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Als Zueignung. 189
Sie verfolgten mich nach Napel,
Im bourboniſchen Muſeum
Traf ich meinen alten Freiherrn,
Lächelnd droht' er mit dem Krückſtock,
Und am Tore von Pompeji
Saß der Kater Hiddigeigei.
Knurrend ſprach er: „Laß die Studien,
Was iſt all antiker Plunder,
Was der Moſaikhund ſelbſt im
Haus des tragiſchen Poeten'
Gegen mich, die ſelbſtbewußte
Epiſche Charakterkatze?“
Dies war mir zu bunt, — ich ſann jetzt
Ernſtlich, dieſen Spuk zu bannen.
Bei der ſchönen Luiſella
Bruder, bei dem pfiffig krummen
Apotheker von Sorrento,
Ließ ich blaue Tinte miſchen
Und fuhr übers Meer nach Capri.
Hier begann ich die Beſchwörung.
Manchen goldgrüngelben Seefiſch,
Manchen Hummer und Polypen
Zehrt' ich auf, und unbarmherzig
Trank ich, wie Tiber'e, den Rotwein;
Unbarmherzig dichtend ſchritt ich
Auf dem Dach, — es widerhallte
Metriſch, und der Bann gelang mir,
In vierfüßige Trochäen
Angefeſſelt liegen jetzo,
Die den Traum der Nacht mir ſtörten.
's war auch Zeit. Schon winkt der Meiſter
Lenz herüber nach der Inſel,
1 Im Eingangsraum der durch Mißverſtändnis ſo genannten Casa del
poeta tragico in Pompeji wurde das Moſaikbild eines Kettenhundes Getzt im
Muſeum zu Neapel) gefunden mit der Inſchrift: Cave canem („Warnung
vor bem Hunde!“). — ² Tiberius verbrachte die letzten zehn Zahre ſeines Lebens
auf Capri.
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