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Als Zueignung. Zur zweiten Auflage. G 191
Daß auch einer, den die Welt nicht
Auf den grünen Zweig geſetzt hat,
Lerchenfröhlich und geſund doch
Von dem dürren Aſt' ſein Lied ſingt.
Capri, den 1. Mai 1853.
Zur zweiten Auflage.
Fünf Fahre ſind verrauſcht, vergnügter Sang,
155 Seit du gebucht die erſte Fahrt gewagt,
Es war ein ſchlichter Muſikantengang
Und großes Schickſal hat dir nicht getagt:
Im Zunftbereich der Kalten und Verſtänd'gen
Blieb jegliches Furore dir erſpart,
1uo — Wo Bahl und Formel herrſcht ſtatt des Lebend'gen
Iſt kein Quartier für dich und deine Art,
Auch aus den Höhn gebauſchter Krinolinen
Hat wenig Huld auf dich herabgeſchienen.
Nicht jeder taugt zu jedem. Das Gebirg'
u5s Treibt andre Blumen als der Tiefenſand;
Doch da und dort im deutſchen Sprachbezirk
Trafſt du ein Herz, das dir ſich zugewandt:
Wo luſt'ge Brüder bei weingoldnen Flaſchen
Ihr Lied anſtimmten, warſt du oft dabei,
1% Man fand dich vor in alten Weidmannstaſchen
Wie bei des Landſchaftmalers Staffelei,
Von Pfarrherrn ſelber gingen dunkle Sagen,
Daß ſie als Waldbrevier dich bei ſich tragen.
Und manchem, der ſich eine Braut genommen
155 Und mit ihr auszog in die Einſamkeit,
Warſt als Geſchenk und Kurzweil du willkommen,
Es lieſt nicht ungut ſich in dir ſelbzweit.
1 „Joſephus vom dürren Aſt“ nannte Scheffel ſich gerne im Freundes⸗
kreiſe mit ſcherzhafter Symbolik nach jenem Wirtshaus, „Der dürre Aft“ ge—
nannt, von dem ſein Aufſatz „Aus dem Hauenſteiner Schwarzwald“ (unten,
Bd. 4) ausführlich erzählt.
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