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Zur vierten Auflage. 1956
Vom Gallerturm im römiſchen Inſelwalle
255 Bis zu der Fürſtabtiſſin Frauenſtift
Kannt' ich die Dächer, Firſte, Giebel alle,
Vo oft mein leichter Kahn vorbeigeſchifft;
Herwärts, wo Kieſel das Geſtad' umdämmen,
Winkt eines Gartens wohldurchblümte Au,
v Und halbverſteckt von Wildkaſtanienſtämmen
Des Herrenſchlößleins ſchlankbetürmter Bau:
Hutſchwenkend grüßt' ich durch der Bäume Lücke
Und überſchritt die holzverſchalte Brücke.
Mein erſter Gang, er galt den werten Toten
256 Im Friedhof, dran der Rhein vorübereilt,
Denn mancher ward zur ewigen Ruh' entboten,
Seit er der Waldſtadt Luft mit mir geteilt.
Mit Rührung naht' ich auch dem Stein der Mauer,
Der Werner Kirchhofs Nam' und Wappen trägt
o Und Kunde gibt von lang' verklungner Trauer,
Die man um ihn und ſein Gemahl gehegt;
Es ſchlug dem eng in Lieb' verbundnen Paare
Das letzte Stündlein einſt im gleichen Fahre.
Dann zu dem Marktplatz ſchritt ich. — „Seh' ich Geiſter,
s Seh' ich den Puhuh oder Euch im Land?“
So rief am Rathaustor der Bürgermeiſter,
Der langſam nur den fremden Gaſt erkannt.
.. Wieel Zeit verrann, ſeit mich die Freunde ſchauten,
In düſtrer Stub' Recht ſprechend am Gericht,
Doch ob auch manchem längſt die Locken grauten,
Dos Herz blieb busper, man vergaß mein nicht.
Und weil wir Imbs und Umtrunk nie gemieden,
Ward männiglich zum Becherlupf beſchieden.
Zwar hauſt der Knopfwirt nicht mehr in den Räumen
25 Am Markt, wo's ſonſt ſo fein und heimlich war,
Doch läßt er ſein Gebräu noch kräftig ſchäumen
Und reichte hocherfreut den Anſtich dar;
Und als wir dort in trauter Tafelrunde
Erlebnis und Erinn'rung traut erneut,
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