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1. Wie jung Werner in den Schwarzwald einreitet. 205
Der, was morſch, zuſammenwettert,
Der, was faul, in Stücke ſchmettert,
Der die Erde ſauber feget,
Daß ſein ſtrahlender Gebieter
Würdig ſeinen Einzug halte.
Und euch, ſtolzen Waldgenoſſen,
Die ihr mir mit eh'rner Stirn oft
Tapfern Widerpart gehalten,
Deren Stämmen ich ſo manches
Blaue Mal am Schädel danke,
Anvertrau' ich mein Geheimnis:
Balde kommt er ſelbſt, der Frühling;
Und wenn dann der junge Sproß grünt,
Lerch' und Amſel jubilieren
Und der Lenz mit warmer Sonn' euch
Luſtig auf die Häupter ſcheinet:
Dann gedenkt auch meiner, der ich
Als Kurier in ſeinem Dienſte
Heut an euch vorbeigeſauſt.“
Sprach's und ſchüttelte die Wipfel
Derb und kräftig, — Äſte knarren —
Zweige fallen — und ein feiner
Nadelregen praſſelt nieder.
Doch die Tannen nahmen ſeine
Huld'gung ſehr ungnädig an,
Aus den Wipfeln tönt die Antwort,
Ein Geſchimpf ſchier war's zu nennen:
„Unmanierlicher Geſelle!
Wollen heut nichts von Euch wiſſen
Und bedauern, daß die feinſten
Herrn die gröbſten Diener haben.
Packt Euch weiter in die Alpen,
Dort ſucht Nüſſe Euch zu knacken,
Dort ſtehn kahle Felſenwände,
Unterhaltet Euch mit denen!“
Während alſo Sturm und Tannen
Sonderbaren Zwieſpruch hielten,
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