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1. Wie jung Werner in den Schwarzwald einreitet. 2065
Der zum erſtenmal, ein fremder
560 Wandersmann, den Weg erſpäht.
Rauh der Pfad — das Rößlein wollte
Oft im Schnee verſinken oder
Im Geäſt der wildverſchlungnen
Tannenwurzeln ſtrauchelnd ſtürzen.
555 Und der Reiter dachte brummend:
„'s iſt mitunter doch langweilig,
Einſam durch die Welt zu ziehen:
Fälle gibt's und Tannenwälder,
Wo der Menſch ſich ſehnt zum Menſchen.
560 Seit ich Abſchied heut genommen
Von den Mönchen zu Sankt Blaſien,
Wurde leer und öd' die Straße.
Da und dort noch ein verſprengter
Landmann, der im Schneegeſtöber
565 Kaum den Gruß zu bieten wußte;
Dann noch ein paar ſchwarze Raben,
Die mit heiſerem Gekrächze
Zankten um 'nen toten Maulwurf;
Aber ſeit zwei Stunden hatt' ich
570 Nicht die Ehre, nur ein einzig
Lebend Weſen zu erſchaun.
Und in dieſem Waldesbanne,
Wo die ſchneeverhüllten Tannen
Wie in Leichentüchern daſtehn,
515 Ritt' es beſſer ſich ſelbander;
Wären's Schelmen und Zigeuner,
Wären's ſelber jene beiden
Sehr verdächtigen Kumpane,
Die den alten Rittersmann einſt
680 Durch die Waldesnacht begleitet
Und ihm bald als Tod und Teufel
Schnöd ins Angeſicht gegrinſt':
Lieber wollt' mit ihnen reiten
Oder raufen oder ihnen
1 Dargeſtellt in Dürers berühmtem Stich „Ritter, Tob und Teufel“.
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