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1. Wie jung Werner in den Schwarzwald einreitet. 207
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Alſo glühn im Abendgolde
Fern der Alpen eiſ'ge Häupter.
(Träumen ſie vom Schmerz der alten
Mutter Erde in der Stunde,
Da ſie ihrem Schoß entſtiegen?)
Ab vom Pferde ſtieg der Reiter,
Band's an einen Tannenſtumpf an,
Schaute lang' die Pracht der Landſchaft,
Sprach kein Wort, doch warf er grüßend
Seinen Spitzhut in die Lüfte
Und begann auf der Trompete
Ein vergnüglich Stück zu blaſen.
Grüßend klang es nach dem Rheine,
Grüßend klang es nach den Alpen,
Heiter bald und bald beweglich,
Ernſt als wie ein frommes Beten,
Bald auch wieder ſcherzend ſchalkhaft.
Und trari — trara — ſo hallte
Beifallſpendend ihm das Echo
Aus dem Waldesgrund herüber.
Schön zwar war's in Berg und Tale,
Aber ſchön auch, ihn zu ſchauen,
Wie er, an ſein Roß gelehnet,
In dem Schnee anmutig daſtand:
Da und dort ein Sonnenſtrahl auf
Mann und auf Trompete blitzend —
Hinter ihm die finſtern Tannen.
Drüben in dem Wieſengrunde
Blieb der Klang nicht unvernommen!
Dort erging ſich juſt der würd'ge
Pfarrherr aus dem nahen Dörflein.
Prüfend ſchaut er auf die Schneelaſt,
Die, ſchon ſchmelzend, mit dem Schwalle
Des Gewäſſers rings der Wieſen
Jungem Gras Verderben drohte.
Und er ſann in hilfbereiten
Sinne auf zweckmäß'ge Abwehr.
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