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1. Wie jung Werner in den Schwarzwald einreitet. 209
Einer auf dem Sterbelager
Mit dem Tod den harten Kampf rang,
Da — um Mitternacht — zu jeder
Stund', wo's an die Pforte klopfte,
— Ob auch Sturm den Pfad verwehte —
Klomm er unverzagt zum Kranken,
Spendet ihm den letzten Segen.
Einſam ſtand er ſelbſt im Leben,
Seine nächſten Freunde waren
Die zwei Hunde vom Sankt Bernhard
Und ſein Lohn: oft nahte ſchüchtern
Ihm ein Kind, und ehrerbietig
Küßte es die greiſe Hand ihm;
Oft auch um ein totes Antlitz
Zuckte dankbar noch ein Lächeln,
Das dem alten Pfarrherrn galt.
Unbemerkt nun kam der Alte
Längs des Waldesſaums geſchritten
Zum Trompeter, deſſen letzte
Klänge in die Ferne hallten;
Klopft' ihm freundlich auf die Schulter:
„Gott zum Gruß, mein junger Herre,
Habt ein wacker Stück geblaſen!
Seit die kaiſerlichen Reiter
Den Feldwebel hier begruben,
Den bei Rheinfeld' eine ſchwed'ſche
Feldſchlang' tief ins Herz gebiſſen,
Und dem toten Kameraden
Die Reveill' zum Abſchied blieſen:
Hört' ich nimmer hier im Walde
— Und 's iſt lang' ſchon — ſolche Töne.
Nur die Orgel weiß zu ſpielen
Kümmerlich mein Organiſt:
Drum verwunder' ich mich billig,
Solchen Orpheus hier zu treffen;
Wollt Ihr unſerm Waldgetiere,
Dachs und Fuchs und Hirſch und Rehen,
Scheffel. II.
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